Unterwegs – Intermezzo: eine geistige Rückkehr nach Europa

Es war ein, zumindest im Gegensatz zur drückenden Schwüle des Tages, lauer Sommerabend in Ho Chi Minh City. Wir hatten uns auf niedrigen, roten Plastiksesseln um einen kleinen Metalltisch versammelt, vor uns die einzig effektive Antwort auf das zermürbende Klima, ein kühles Bier. Umso hitziger waren die Gemüter, nichts Geringeres als das Schicksal der europäischen Union stand auf dem Spiel. Dass unser Gegenspieler ein britischer Reisender war, schien dabei wie aufgelegt. Kaum jemals sitzt man mit einem/r der Inselbewohner*innen zusammen, ohne dass irgendwann das Wort ‚Brexit‘ fällt (selbiges gilt im Übrigen auch für ‚Trump‘, obwohl das jeweilige Herkunftsland hier keine so große Rolle spielt…zu gewissen Phänomenen hat wohl jeder etwas zu sagen). Tatsächlich gibt es drei Themen, die, in der genannten Reihenfolge, fast immer diskutiert werden (sollte das Gespräch von entsprechender Dauer sein). Da wäre zuerst einmal das Reisen, ein Gegenstand, über den, wie sollte es anders sein, jede/r Reisende etwas zu berichten hat. Anschließend kommen die Drogen, und das obwohl es hier in Südostasien immer noch Länder gibt, die jeglichen Drogenbesitz und -konsum mit drakonischen Strafen ahnden.[1]

Sollten, nachdem diese beiden Themen zur Genüge zerpflückt wurden, noch ausreichend Gesprächspartner*innen am Tisch übergeblieben sein, stehen die Chancen nicht schlecht, dass jemand anfängt über Politik zu philosophieren. Der genaue Inhalt richtet sich dabei meist nach den jeweiligen Nationalitäten, in unserem Fall also, wenig überraschend, der Brexit und die EU. Diese Unterhaltung liegt bereits etwa drei Wochen zurück. Einige Tage später folgte, diesmal auf einer Insel im Süden Kambodschas, ein noch aktuelleres Thema: ein Reisender aus Barcelona berichtete uns über seine Ansichten zum katalanischen Unabhängigkeitsreferendum. Und nun, vor wenigen Tagen, wurde in Österreich eine neue Regierung gewählt. Zwei Gemeinsamkeiten sind dabei zu beobachten: Erstens stehen alle drei Vorkommnisse in direktem Bezug zur EU und zweitens steht im Zentrum aller drei Ereignisse ein bedauernswertes Phänomen: der Nationalismus.

Nationalismus ist meiner Meinung nach (zumindest zum Teil) ein geschichtliches Phänomen. Besonders deutlich wird dies hier in Asien, wo viele Nationen erst durch eine Loslösung vom Kolonialismus in ihrer heutigen Form entstanden bzw. wiederauferstanden sind. Diese Geschichte ist folglich ebenfalls ein maßgeblicher Faktor für das nationale Identitätsempfinden der Bewohner. Sie haben gemeinsam etwas durchgemacht, das schweißt zusammen[2] – und lässt sich nicht so leicht vergessen. Unter diesem Gesichtspunkt fällt es schwer sich vorzustellen, wie es jemals gelingen sollte nationale Grenzen zu überwinden und postnationale Gebilde zu gründen, die in den Augen vieler eine Bedrohung der nationalen Identität darstellen. Überlegungen dazu stellt Robert Menasse in seinem neuen Roman Die Hauptstadt an, wobei es ihm weniger um eine Lösung geht, als vielmehr um die Frage, warum ein solcher Schritt überhaupt notwendig ist. Im Zentrum der Handlung steht dabei die EU bzw. die EU-Bürokratie in Brüssel.

Anhand mehrerer, parallel agierender Figuren schafft Menasse zwei weitestgehend unabhängig voneinander funktionierende Erzählungen. Da hätten wir einerseits einen mysteriösen Mordfall, verübt von einem polnischen „Gotteskrieger“, der möglicherweise für eine Art vatikanischen Geheimdienst arbeitet, dessen Ziel es ist, mögliche Terroristen, gegen die es noch nicht genügend Beweise gibt, um gesetzlich gegen sie vorzugehen, auszuschalten bevor sie zu einer Bedrohung werden können. Dem ermittelnden Brüsseler Kommissar wird der Fall bereits nach kurzer Zeit wieder entzogen und die ganze Geschichte wird vertuscht. Grund dafür ist ein Pakt zwischen den staatlichen Geheimdiensten und dem Vatikan, die sich somit gegenseitig den Rücken decken. Und irgendwie steckt da auch noch die NATO mit drinnen, so zumindest die Vermutung des Kommissars. Das Ganze erinnert an die Verschwörungstheorien von Dan Brown und besitzt meiner Meinung nach keine wirkliche Relevanz für die eigentliche Materie des Romans: die EU.

Diese spielt dafür die Hauptrolle in der zweiten Erzählung, deren Narrator*innen mehrere EU-Bürokrat*innen, ein Schweinezüchter, ein alter Professor sowie ein ehemaliger Holocaustüberlebender sind. Die Ausgangssituation: Anlässlich des fünfzigjährigen Bestehens der EU-Kommission soll eine große Feierlichkeit zur Imageverbesserung stattfinden. Fenia Xenopoulou, eine zypriotische Griechin, die sehr zu ihrem Unmut aus der DG Wettbewerb in die Generaldirektion Kultur der Europäischen Kommission versetzt worden ist – als unwichtigste Generaldirektion ihrer Meinung nach ein absoluter Karrierekiller – beauftragt ihren österreichischen Mitarbeiter Martin Susman damit eine passende Idee für diesen Anlass zu entwickeln. Dessen Vorschlag ist so logisch wie radikal, unter dem Slogan „Nie wieder Auschwitz“ ermutigt er dazu sich auf die Wurzeln der EU zu berufen, nämlich die Hoffnung, dass die Schrecken, die aus dem europäischen National(sozial)ismus entstanden sind, sich niemals wiederholen würden.

Noch einen Schritt weiter geht Alois Erhart, Professor Emeritus für Volkswirtschaft, der eingeladen wird an einem Think Tank für die Zukunft der EU teilzunehmen und dort, sehr zur Empörung der anderen Diskutanten, vorschlägt eine neue EU Hauptstadt zu errichten, die als gemeinsames Projekt alle EU-Bürger als Zentrum für ein zukünftiges, postnationales Europa fungieren sollte. Als Standort, eigentlich als einzig möglichen Standort, schlägt er Auschwitz vor, abermals ganz im Geiste der Erinnerung. Und dann gibt es noch David de Vriend, einen jüdischen Holocaustüberlebenden, der selbst langsam zu vergessen beginnt und dabei immer weiter verblasst, bis er am Ende des Romans in ganz wenigen Worten bei einem Anschlag ums Leben kommt. Die Symbolik ist eindeutig: wir selbst, ganz Europa, vergisst.

Man lernt in diesem Roman einiges über das Funktionieren der EU-Bürokratie, nicht zuletzt durch Martin Susmans Bruder, der nicht nur Schweinezüchter, sondern ebenfalls Präsident der EPP, der European Pig Producers, ist und versucht die zuständigen Stellen davon zu überzeugen, dass die EU geeint mit China über den Export von Schweinefleisch verhandeln muss. Als Episode so unterhaltsame wie lehrreich, als Vorhaben hingegen leider von Beginn an aufgrund der Gier der Nationalstaaten bzw. deren Vertretern zum Scheitern verurteilt. Die eigentliche Moral der Geschichte ist allerdings eine andere: Wir dürfen nicht vergessen. Betrachtet man aktuelle politische Ereignisse lässt sich nicht leugnen, dass diese scheinbar abgedroschene Phrase immer noch große Bedeutung besitzt. Großbritannien verlässt die EU, kehrt zurück in seine einstige Isolation und erhofft sich dadurch Besserungen für die eigene Nation und deren Bürger. Katalonien möchte sich von Spanien abspalten – sowohl aus historischen als auch aus wirtschaftlichen Gründen –, um ein selbstständiger Staat zu werden. Und Österreich wählt eine Regierung, deren Slogan genauso gut lauten könnte „Make Austria great again“. Anstatt uns wie von Menasse gefordert auf unsere Geschichte zu besinnen, besinnen wir uns lediglich auf uns selbst.

Aus diesem Grund hat der Autor nicht die Funktionsweise der heutigen EU in den Vordergrund gestellt, sondern ihre einstige und immer noch gültige Daseinsberechtigung:

Die Kommission ist keine internationale, sondern eine supranationale Institution, sie vermittelt also nicht zwischen Nationen, sondern steht über den Nationen und vertritt die gemeinsamen Interessen der Union und ihrer Bürger. Sie sucht nicht Kompromisse zwischen Nationen, sie will die klassischen nationalen Konflikte und Widersprüche in einer nachnationalen Entwicklung überwinden, also im Gemeinsamen. Es geht um das, was die Bürger dieses Kontinents verbindet, und nicht um das, was sie trennt. […] Das, was die Kommission ist oder sein soll […] konnte man doch erst nach Auschwitz denken. Eine Institution, die die Staaten dazu bringt, nach und nach nationale Souveränitätsrechte aufzugeben […].

In dieser Hinsicht finde ich das Buch sehr gelungen und äußerst bedeutend, greift es damit doch ein Problem auf, dass mir selbst erst in den letzten Jahren zunehmend in seinem ganzen Ausmaß bewusstgeworden ist. Meine eigene Generation, die sogenannten Millennials, sind in einer ungewöhnlich friedlichen (zumindest in Europa) Periode aufgewachsen, weshalb viele von uns der Illusion erlegen sind, dass eine uninformierte, apolitische Haltung gerechtfertigt ist. Dabei ist sie nicht nur nicht gerechtfertigt, sie ist eigentlich überhaupt nicht möglich. Dieses halluzinatorische Gedankengebäude beginnt zunehmend über unseren Köpfen einzustürzen und was bleibt ist die Erkenntnis, dass die Welt eben doch kein so friedlicher und wohlgeordneter Ort ist, wie man das gerne hätte. Aus diesem Grund ist es wichtig sich seiner eigenen Geschichte zu besinnen und, um wieder zum Roman zurückzukehren, zu verstehen, weshalb die EU immer noch keine überholte Idee ist. Diese Aufgabe erfüllt Menasses Buch als literarisches Mahnmal hervorragend.

 

Die Hauptstadt

Robert Menasse

459 Seiten; Suhrkamp 2017

 

[1] Ein anderer Reisender erzählte uns davon, dass er versucht in jedem Land, das er betritt, ein Gefängnis zu besuchen. Als U.S. Amerikaner mit marokkanischen Wurzeln fragt er dabei meist nach Amerikanern, Marokkanern oder, falls beides nicht verfügbar ist, nach Briten. Zwar handelt es sich hierbei natürlich nicht um eine aussagekräftige Anzahl von Stichproben, seiner Erfahrung nach zieht sich durch das kriminelle Leben der meisten westlichen Häftlinge in Südostasien jedoch ein roter Faden, ein guter Teil von ihnen wurde wegen Drogendelikten festgenommen.

[2] Ein berührendes Beispiel hierfür ist die Rede des ehemaligen singapurischen Premierministers Lee Kuan Yew nach der Abspaltung Singapurs von Malaysia 1965, in der er alle Bewohner des neu entstandenen Stadtstaates daran erinnert, dass sie, egal welcher Herkunft, nun ein gemeinsames Volk sind. https://www.youtube.com/watch?v=DjWe2l6Zzg4&t=1m33s

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