Unterwegs – Singapur: ein Leben im (literarischen) Raum. Teil 2

Den zweiten Teil meines Singapur Beitrags möchte ich nutzen, um noch ein wenig mehr über einige unserer Eindrücke aus dem kleinen Stadtstaat zu berichten, doch zuerst noch einmal ein kurzer Rekurs auf den vorhergehenden Abschnitt.

Wie bereits im ersten Teil erwähnt, besitzt Literatur die Fähigkeit existente Räume zu reproduzieren, zugleich erschafft sie sie dabei aber ebenfalls neu (es handelt sich also immer um eine fiktive Reproduktion). In diesem Sinne erzeugen Bücher immaterielle Parallelwelten, denen durch ihre innere Abgeschlossenheit und ihre Körperlosigkeit ein utopisches Moment anhaftet. Betrachtet man sie von außen, ihrer physisch greifbaren Seite, so lässt sich lediglich ein simples, einfarbiges oder zuweilen vielfarbiges, von einem gewagten Schriftzug dekoriertes Cover erkennen. Gleich einer Fassade beschützt der Karton die in dem Buch eingeschlossenen Geheimnisse. Hinter dieser Fassade verbergen sich, wie bei einem richtigen Haus, menschliche Schicksale und unbekannte Geschichten. Versammelt man viele Bücher an einem Ort, sagen wir etwa in einer lokalen Buchhandlung, so entsteht dementsprechend eine Stadt innerhalb einer Stadt, ein Mikrokosmos der unser menschliches Dasein auffängt und – zum Teil auf sehr verzerrte Weise – reflektiert.[1] (Etwas makabrer ließe sich wohl von einem riesigen Friedhof sprechen, auf dem Myriaden von menschlichen Erzählungen begraben liegen.)

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Die Mystery Book Machine

 

 

 

Nun kann man freilich zurecht einwenden, dass man sich Büchern immer mit einer gewissen Erwartungshaltung nähert, vielleicht weiß man ja sogar schon was einen darin erwartet (das Geheimnis wäre in diesem Fall also bereits gelüftet). Was aber, wenn es einem gelingt, seine neue Lektüre ganz frei von der eigenen Befangenheit auszuwählen? Wie das möglich sein soll? Die Antwort lieferte mir ein kleines Buchgeschäft in Singapur:

 

 

 

 

 

Bei diesem möglicherweise nicht ganz scharfen Exemplar handelt es sich um einen „Mystery-Book Automaten“. Genau wie bei Snack- oder Getränkeautomaten kann man hier etwas Geld einwerfen und dann ein beliebiges Mystery-Book auswählen. Gesagt getan landete ich diesen, im ersten Teil bereits vorgestellten, Volltreffer.

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Das Geschäft, vor dem der Automat platziert ist, trägt den (etwas kitschigen) Namen ‚Books Actually‘. Passend zu den familienfreundlichen Cafés und Bäckereien in der Umgebung schmücken, abgesehen von der Maschine, schmucke grüne Jungpflanzen in großen und kleinen Keramiktöpfen den Eingang und runden gekonnt das Bild des schwarz-weißen Bücherwaldes über der zweiflügeligen Glastür ab.

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Books Actually

Betritt man schließlich nach eingehender Betrachtung der Fassung die Verkaufsräume, so gelangt man in eine bunte Welt voller Bücher (und das im wahrsten Sinne des Wortes, denn ich habe hier mindestens sechs verschiedenfarbige Ausgaben von Amanda Lee Koes Ministry of Moral Panic erspäht), die, so offenbart sich schon nach kurzer Zeit, vor allem auf Bücher aus Singapur spezialisiert ist. Das ist wenig überraschend, betreibt Books Actually zugleich doch auch einen kleinen Verlag mit Namen „Paper Math Press“, dessen Fokus gleichermaßen auf Literatur aus Singapur liegt. (Dieser Erkenntnis folgend lässt sich vermuten, dass der Mystery-Book Automat ebenso mit lauter Büchern des hauseigenen Verlags gefüllt sein könnte.)

Abgesehen von den vielen Büchern und Comics finden sich noch eine ganze Reihe anderer Dinge innerhalb des Geschäfts, von denen manche gekauft werden können und andere nur als Dekoration gelten dürften (wie etwa die alten, ganz oben auf den Regalen thronenden Fernseher). Zu den erwerbbaren Gegenständen gehören unter anderem zahlreiche alte Musikkassetten, Notizbücher, Biergläser, Porzellanteller, leere Medizinflaschen und allerlei andere Spielereien, die in einem, an einen Flohmarkt erinnernden, kleinen Extrazimmer am anderen Ende des Geschäfts ausgestellt sind. Ob sich dieser Teil des Bestandes jemals erneuert weiß ich nicht, doch er gibt dem Ort auf jeden Fall ein bisschen was von dem verklärten Charm eines alten Schallplattengeschäfts (ein Image mit dem auch das Buch manchmal zu kämpfen hat), der in dieser modernen Stadt, die bis an ihre Ränder mit Einkaufszentren gefüllt ist, ansonsten schwer zu finden ist.

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Den Begriff Literatur etwas strenger definierend ist die Buchhandlung „Grassroots Book Room“ (草根书室) ausgestattet (obwohl ebenfalls nicht nur Bücher vorzufinden sind). Eine der Besonderheiten dieser Buchhandlung besteht darin, dass sie fast ausschließlich chinesischsprachige Werke vertreibt (die meisten in Lang- und nur einige ausgewählte in Kurzzeichen).

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Grassroots Book Room

Im Gegensatz zu Books Actually gibt es jedoch keinen Fokus auf Literatur aus Singapur, stattdessen findet sich hier ein sehr breit gefächertes Sortiment. Aktuelle Romane und Sachbücher aus China stehen neben Übersetzungen von westlicher „Weltliteratur“ und ansprechend illustrierten Kinderbüchern. Dazwischen gibt es natürlich ebenfalls das eine oder andere Gimmick, so sind etwa Büroklammern in allen möglichen Formen, selbst bedruckte Jutebeutel oder kleine Notizbücher strategisch klug zwischen den literarischen Werken positioniert. All das lässt sich aber leicht vergessen sobald man den hiesigen Mystery-Book Automaten entdeckt.

 

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Aufgebaut wie ein alter Kaugummiautomat ist diese Gerätschaft gefüllt mit kleinen Überraschungseiern, in deren Innerem Buchkunstwerke im Miniformat schlummern. Die mit chinesischen Zeichen beschriebenen Bände geben ein vorzügliches Zeugnis davon ab, welche Möglichkeiten die im Gegensatz zu unserer Schrift knapp bemessenen chinesischen Piktogramme bieten, um selbst auf engstem Raum Geschichten zu erzählen. Ein ähnliches Phänomen ist weiter hinten im Geschäft anzutreffen. An einer Wand hängen Zettel und alte Zeitungsausschnitte unter einem großen Schild, auf dem in schwarzen Lettern die Wörter „Blackout Poetry“ (涂鸦诗歌) prangen. Das Prinzip ist simpel (und funktioniert theoretisch natürlich auch im Deutschen), ein bestehender Text wird ausgeschwärzt bis daraus ein neues Werk entsteht (eigentlich ein Paradebeispiel für Intertextualität). Wer Lust hat und der chinesischen Sprache mächtig ist, kann sich ebenfalls an der Wand verewigen indem er einen der noch unbearbeiteten Zettel wählt, die als Haufen am Fuße der Wand aufgeschichtet sind. Und sollte die Atmosphäre zwischen all den Büchern nicht entspannend genug sein, so gibt es am hinteren Ende des Geschäfts noch ein kleines, gemütliches Café (das allerdings nur am Wochenende geöffnet hat), in das man sich zum Lesen, Schreiben und Nachdenken zurückziehen kann.

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[1] In diesem Sinne handelt es sich bei Buchgeschäften um das, was Foucault in einem seiner Texte als Heterotopien bezeichnet hat. Gegenrealitäten in denen zugleich aber unsere gesamte gesellschaftliche Wirklichkeit versammelt ist. Vgl. Foucault, Michel: Von anderen Räumen. In: Dünne, Jorg und Günzel, Stephan (Hrsg.): Raumtheorie. Grundlagentexte aus Philosophie und Kulturwissenschaften. Frankfurt am Main: Suhrkamp 2006, S. 317-329.

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