Unterwegs – Singapur: ein Leben im (literarischen) Raum. Teil 1

Manchmal heißt es, jemand war „zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, oder auch „zur falschen Zeit am richtigen Ort“, oder richtig/falsch oder falsch/falsch. Aus all diesen Variationen geht deutlich hervor, dass es zwei wichtige Faktoren gibt, die unser menschliches Handeln maßgeblich beeinflussen: Raum und Zeit. Die Einflussnahme geschieht dabei im Allgemeinen nur indirekt, denn der Raum befiehlt uns nicht was wir zu tun haben, vielmehr eröffnet er uns diverse Möglichkeiten und limitiert diese zugleich wieder. „Die richtige Zeit und der richtige Ort“ versetzen uns in die Lage auf eine bestimmte Weise zu handeln, die uns zum Vorteil gereicht. Trifft eines von beiden nicht zu, dann bietet sich uns überhaupt nicht die Möglichkeit besagte Handlung durchzuführen, die Frage „soll ich, oder soll ich nicht?“ stellt sich demnach nicht.

Diese Formel scheint in unserem Lebensalltag unumstößliche Wahrheit zu besitzen (ist unser Leben doch unabhängig von Raum und Zeit überhaupt nicht denkbar). Dementsprechend ist es wenig überraschend, dass beide Konstanten auch innerhalb der Literatur existieren. Da Literatur jedoch bis zu einem gewissen Grad immer abstrahierte Realität (kurz gesagt: Fiktion) ist, ist es ihr möglich die beiden Faktoren Raum und Zeit auszuhebeln. Insbesondere gilt dies für den Aspekt der Zeit, denn so manche erzählte Geschichte widersetzt sich erfolgreich jeglicher zeitlichen Verortung. Als schwieriger hingegen erweist sich die Negation der räumlichen Lokalisation. Jede Handlung, egal wie unkonkret, ist mit einem Ort verbunden. Dabei ist es mir wichtig, Ort nicht notwendigerweise nur als eine vollkommen exakte Größe zu verstehen wie sie etwa durch Städte- und Straßennamen, Hausnummern oder Koordinatenangaben definiert werden könnte, sondern zugleich ebenfalls als vage Einheit, die durch so ungenaue Angaben wie Wohnzimmer, Gehsteige, Toilettenspülungen oder Hinterhöfe gänzlich unbekannter Herkunft repräsentiert werden kann. Solchermaßen künstlich verortet – Literatur erzeugt hier den Raum in dem sie spielt selbst neu, wie sie es, genau betrachtet, auch mit der Zeit tut – erhält die Geschichte eine Bühne, auf der das Geschehen einerseits stattfindet, die dieses andererseits jedoch zugleich maßgeblich mitprägt.

Giant Trees wie aus einem SF Roman

Die ‚Supertrees‘ in Singapur. Ein Anblick wie aus einem Science Fiction Roman.

Was bedeutet das nun? In dem Lied „Die Jungs aus dem Reihenhaus“ der deutschen Gruppe Blumentopf heißt es: „Vielleicht hat ja die Straße in der ich aufwuchs meinen Charakter geprägt, doch wer hört das gern, wenn er als Kind in ‘ner Sackgasse lebt.“ Schöner (und simpler) hätte ich die Quintessenz meines literarischen Zwischenaufenthaltes in Singapur selbst nicht formulieren können. Singapur ist eine schnelllebige Stadt, deren strukturelles Antlitz sich in den letzten Jahrzehnten (so bekommt man es zumindest erzählt) ständig aufs Neue gewandelt hat. Häuser und Plätze wurden niedergerissen, modernere Wohnanlagen und Hochhäuser darüber gebaut. Der Ort ähnelt somit einem neumodischen Troja, Schicht über Schicht über Schicht sind hier alte Erzählungen vergraben und unsichtbar gemacht worden. Doch es gibt literarische Versuche, um gegen das daraus entstehende blinde Vergessen anzukämpfen. Zwei dieser Bücher sind mir durch Glück in die Hände gefallen.

Here Now There After. The Commuting Reader und Balik Kampung 2B. Contemplations sind Anthologien von singapurischen Autor*innen, die sich auf ihre jeweils eigene Art mit dem Phänomen des Raums auseinandersetzen. Bei ersterem handelt es sich um ein Werk, dessen thematischen Schwerpunkt der vielschichtige Begriff „Journey“ bildet, wobei manche Reisen über die Grenzen von Singapur hinausführen. Einige der Erzählungen, Gedichte und Comics, die absichtlich möglichst kurzgehalten sind, um dem im Titel gestellten Anspruch gerecht zu werden und Pendlern auf ihrem täglichen Weg zur Arbeit Unterhaltung bieten zu können, spielen dementsprechend selbst (zumindest zum Teil) in bewegtem Raum, das heißt in der U-Bahn, im Bus oder auf einem Boot. Andere erzählen von den mannigfaltigen Erlebnissen von Protagonist*innen, die nur durch einen Ortswechsel stattfinden können, etwa im Fall von Koh Hong Tengs Comic „Gor Zhang Chiu Kar“, in dem ein Baum innerhalb von Singapur umgepflanzt wird. Raum dient jedoch nicht immer nur als Ausgangspunkt oder Zwischenstation, sondern wird manchmal sogar selbst indirekt zum Ziel, etwa in O Thiam Chins „The Three Brothers“. Drei Brüder reisen einer nach dem anderen an den selben Ort und finden dort alle unerwartet den Tod. Dem Raum wird somit eine schicksalhafte Symbolik verliehen, als wäre er und nicht die äußeren Umstände schuld an dem Tod der drei.

Eine besonders eindrückliche Verwendung von Raum findet sich in Stephanie Yes Erzählung „The Portcullis“. Immer wieder begleiten wir die Ich-Erzählerin auf ihrem Weg durch den Londoner Gebäudekomplex Portcullis, bis der Bau schließlich zu einem Teil von ihr wird und schließlich sogar physisch in ihre Nähe rückt. Selbst nach ihrer Rückkehr nach Singapur ist es ihr noch möglich ihn zu besuchen indem sie einfach von ihrem Büro aus eine zuvor noch nicht existente Brücke überquert. Innerhalb der Erzählung wird das Gebäude zum Sinnbild für ihre soziale Isolation und erlangt somit eine neue Existenz im Seelenleben der Protagonistin.

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Eine Ausstellung der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama in Singapur. Zu sehen: die Verschmelzung von Körper und Raum in ihrer unendlichen Reflexion.

In zwei der insgesamt neun Erzählungen in Balik Kampung 2B. Contemplations wird dieses Verschwimmen der Grenzen zwischen Raum und Mensch noch weitergedacht. Marc Nairs „Under the Bridge“ handelt von einem ehemaligen britischen Architekten, der von einer Hexe verflucht wurde und nun als versteinerter Troll unter einer Brücke in Singapur lebt, die er selbst entworfen hat. Gemma Pereira lässt in ihrer Erzählung „Mama at Owen Road“ eine indische Migrantin gleich vollends mit ihrem Haus verschmelzen. Als das Gebäude beginnt erste Anzeichen von Altersschwäche zu zeigen und die Holzdielen am Dachboden durchbrechen, geht es auch mit der Frau langsam zu Ende. Besonders deutlich wird dieses Verschwimmen von Raum und Mensch in dem Gespräch, das ihre Angehörigen mit dem behandelnden Arzt führen, der während seiner Untersuchung mithilfe seines Stethoskops den Herzschlag des Hauses belauscht und der in seiner Diagnose nicht von den menschlichen Leiden spricht, sondern von dem Verfall der Wände und des Bodens und von den alten vergammelten Teppichen.

Weniger surrealistisch jedoch gleichermaßen die Beziehung zwischen Mensch und Raum untersuchend ist Wei Fen Lees Erzählung „Cure Us of Prayers“. Darin geht es, ähnlich wie bei Ye, um die Frage ob Raum im abstrakten Sinn zu einem Teil unserer Persönlichkeit werden kann und ob er in dieser neugewonnen Funktion für uns sinnstiftend sein kann. Was passiert, wenn wir versuchen in der Welt unserer Erinnerungen Antworten auf unsere existentiellen Fragen zu finden und dann feststellen müssen, dass diese uns so vertrauten Orte so wie wir sie kannten nicht mehr existieren? Diese Erkenntnis macht dem Protagonisten sehr zu schaffen und er empfindet schließlich als wäre ein Teil von ihm selbst verloren gegangen. Die daraus abzulesende Eigenschaft von Raum Charakter prägend und sinnstiftend zu sein, spiegelt sich in den restlichen sechs Erzählungen des Bandes ebenfalls wider.

Besonders an Balik Kampung 2B. Contemplations ist, dass alle Texte in Singapur spielen und von Autor*innen geschrieben wurden, die schon mindestens seit 10 Jahren in dem jeweiligen Bezirk wohnen. Es entstehen somit Erzählungen, die vergessenen Orten neues Leben einhauchen und durch eigene Erinnerungen neue Räume erschaffen. Sie bringen nicht nur alte trojanische Fundamente erneut ans Tageslicht, sondern fügen ebenfalls noch ihre eigenen hinzu, eine Fähigkeit, die eine Besonderheit der Literatur darstellt.

Here Now There After. The Commuting Reader

Cheryl Julia Lee, Troy Chin, Neil Humphreys, Gwee Li Sui, Ballo Kaur Jaswal, Joshua Ip, O Thiam Chin, Koh Hong Teng, Marc Nair, Dave Chua, Stephanie Ye, Xiao Yan, Yu-Mei Balasingamchow, Yong Shu Hoong (Hrsg.)

120 Seiten; Marshall Cavendish Editions 2017

 

Balik Kampung 2B. Contemplations

Verena Tay (Hrsg.), Marc Nair, Ann Ang, Cyril Wong, Wei Fen Lee, Tania De Rozario, Zizi Azah, Gemma Pereira, Desmond Kon Zhicheng-Mingdé

148 Seiten; Math Paper Press 2013

2 Gedanken zu “Unterwegs – Singapur: ein Leben im (literarischen) Raum. Teil 1

  1. Jaja, Zeit und Raum…
    Interessante Lektüretipps.
    Ich wüsste spontan nicht, ob ich literarisch schon mal Singapur besucht habe. Real sicher nicht ;))
    Grüße
    Silvia

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    • Zugegebenermaßen weiß ich auch nicht, wie leicht die Bücher bei uns erhältlich sind. Aber solltest du mal Interesse an einem literarischen Besuch Singapurs haben, kann ich dir Amanda Lee Koes ersten Erzählband „Ministerium für öffentliche Erregung“ sehr empfehlen. Hab das Buch eh auch vor einiger Zeit hier rezensiert!
      Schöne Grüße aus China

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