Unterwegs – Indien, der erste Schritt

Am 3. April 2017 verließen wir, meine Freundin und ich, den heimatlichen Herd auf der Suche nach neuem Land. Dem Ruf unbekannter Welten und fremder Kulturen folgend, wie schon ungezählte Expeditionen vor uns, bestiegen wir ein Flugzeug und landeten rund zwanzig Stunden später in Mumbai, wo wir, Staub und Hitze schutzlos ausgeliefert, unsere Zelte aufschlugen. Inzwischen sind fast zwei Monate vergangen und unsere Reise hat uns kreuz und quer durch Indien geführt, in großen, bunten Regierungsbussen, die noch vom Anbeginn der Zeit herzustammen scheinen, sind wir elegant von Schlagloch zu Schlagloch gesprungen, haben so manchen, ungesehen auf der Lauer liegenden, schlafenden Polizisten[1] überfahren und wenn unsere geschundenen Sitzknochen schließlich eine Pause brauchten, sind wir auf den harten, hellblauen Zugliegen im Inneren endloser Waggonschlangen durch die vollkommene Dunkelheit der Nacht mäandert, immer begleitet von dem Pfeifen des durch die offenen Fenster und Türen hereinschielenden Windes und dem ewigen Rattern der ehemalig britischen Ventilatoren. Einiges liegt inzwischen hinter uns, viel mehr aber erwartet uns noch, denn dies ist erst der Anfang unserer Reise, die uns innerhalb eines Jahres durch Süd-, Ost- und Südostasien führen soll, von Indien nach Japan, von China nach Indonesien, von den Philippinen nach Myanmar und wer weiß an welch weitere Orte es uns sonst noch verschlägt.

Nach längerer Funkstille soll sich dies nun in den nächsten Monaten ebenfalls hier im Rahmen der Serie Unterwegs auf meinem Blog widerspiegeln. Während unserer Reise werde ich versuchen meine Lektüreauswahl an die jeweiligen Länder anzupassen, welche wir gerade bereisen, um die jeweilige Kultur somit noch auf eine andere Weise näher kennenzulernen und umgekehrt meine konkreten Erfahrungen in meine Rezensionen miteinbauen zu können. Und was wäre da passender als mit einem Roman zu eröffnen, der in jener Stadt spielt, in der auch unser eigenes Abenteuer begonnen hat? Also zögern wir nicht länger und springen am besten gleich mitten ins Geschehen…

 

Der Ball kommt ins Rollen

Lautes Hupen erfüllt die abendlichen Straßen Mumbais. Ein nahtloser Klangteppich legt sich über die endlose Masse an Menschen, die sich langsam durch die Stadt wälzen, in die Züge drängen und die Gehsteige überfluten. In den Parks, den kleinen Gassen und an den Stränden hingegen ertönen andere Geräusche. Laute Rufe, das hölzerne „Tock“ eines Schlägers, der einen runden, roten Lederball quer durch die Luft befördert, eilige Schritte, die vom Beton widerhallen…der Name des Spiels: Cricket.

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Crickettraining in der Nähe des CST in Mumbai

Cricket ist der unumstrittene indische Nationalsport und während unserer Reise durch Indien wurden wir Zeugen zahlreicher Partien, die an jedem nur erdenklichen Ort ausgetragen wurden. Egal ob jung oder alt, Cricket bringt die Menschen zusammen. Wobei Menschen eigentlich nicht ganz richtig ist, denn auffällig ist, dass es immer nur Männer sind, die dieser Betätigung nachgehen. Nicht ein einziges Mal, nicht einmal als ich während einer Zugfahrt von Mumbai nach Goa einen kurzen Blick auf ein auf einem abgeernteten, ausgetrockneten Feld ausgetragenes Match erhaschen konnte, sah ich eine Spielerin. In diesem Sinne spiegelt der Sport immer noch sehr gut die patriarchalen Verhältnisse in diesem riesigen Land wider. (Vergleicht man die Situation jedoch mit Fußballkäfigen in Wien, wird man auch hier vor allem – nicht ausschließlich – männliche Jugendliche beim Spielen beobachten können.)

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Ein mitten auf der Straße ausgetragenes Match musste immer wieder unterbrochen werden, um Autos und Mopeds passieren zu lassen

Abgesehen von der Geschlechterspaltung zeigt sich noch eine andere Auffälligkeit: Cricket wird von fast allen Gesellschaftsschichten gespielt. Es scheint in diesem Kontext eine ähnliche Bedeutung zu haben, wie der Fußball in Brasilien, nämlich, dass es eine der wenigen Möglichkeiten für die Söhne der ärmlicheren Familien darstellt, aus der Perspektivenlosigkeit ihres sozialen Milieus auszubrechen. Wie hart es dabei zugehen kann und dass dahinter mehr Wunschdenken als Realität steckt, zeigt der indische Autor Aravind Adiga in seinem Roman Golden Boy.

Im Vordergrund stehen die Brüder Radha und Manju Kumar, deren Vater sich nichts sehnlicher wünscht, als dass seine Söhne die besten Schlagmänner der Welt werden sollen. Dafür verlässt die kleine Familie ihr Heimatdorf und zieht in eines der zahlreichen Slums von Mumbai, um hier, an einer der Hauptschlagadern des indischen Crickets, ihre Karriere zu starten. Anfangs ist es ein steiniger Weg und die Jungen werden von ihrem Vater, einem Chutneyverkäufer und autodidaktischen Gesundheits-, Anatomie- und Cricketspezialisten, gezwungen, jede freie Minute für das Training aufzuwenden. Dazwischen müssen sie sich regelmäßig der verhassten Ganzkörperuntersuchung unterziehen, während der Mohan Kumar analysiert, ob sich die unterschiedlichen Körperteile seiner Söhne in einer für das Cricket optimalen Weise entwickeln. Sollte dies nicht der Fall sein, werden extra Übungen ersonnen, um jegliche Unzulänglichkeiten auszumerzen.

Und tatsächlich, die Bemühungen scheinen zu fruchten. Sowohl Radha als auch Manju erzielen erste Erfolge, schaffen es schließlich, die Aufmerksamkeit von Talentsuchern auf sich zu ziehen, und befinden sich bald auf dem richtigen Weg für eine glänzende Karriere. Kurz darauf zeigt sich allerdings, dass die vom Vater propagierte Planwirtschaft ihren Preis hat. Zugunsten seines ambitionierten Traums opfert er die Jugend seiner Söhne. Insbesondere Manju leidet darunter, denn er kann weder seinen naturwissenschaftlich interessierten Geist kultivieren, noch kann er, im Schatten eines egomanischen Chauvinisten aufgewachsen (die Mutter ist vor einigen Jahren mit einem Liebhaber davongelaufen), seine langsam zum Vorschein kommenden homosexuellen Neigungen akzeptieren. Radha hingegen nutzt seinen langsam akkumulierten Ruhm, um Frauen zu beeindrucken, sehr zum Missfallen seines Vaters, der im anderen Geschlecht eine der schlimmsten Gefahren für die Zukunft seiner Söhne sieht.

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Eine Cricketpartie bei den Ghats von Varanasi, am Ufer des heiligen Flusses Ganges.

Als einziger Lichtschimmer in dieser Situation erscheint der gute Zusammenhalt der beiden Geschwister, die durch den gemeinsamen Hass auf den Vater zusammengeschweißt werden. Es kommt jedoch wie es kommen muss und langsam wird deutlich, dass Manju nicht nur wesentlich besser in der Schule, sondern auch ein talentierterer Cricketspieler als sein Bruder ist, dem als älterem Sohn allerdings das Vorrecht auf Erfolg gebührt. Dies führt dazu, dass die beiden sich immer weiter voneinander entfernen, bis sie den Kontakt zueinander schließlich ganz verlieren.

Obwohl Cricket den Dreh- und Angelpunkt des Romangeschehens bildet und Adiga den Sport von allen Seiten beleuchtet – er lässt Spieler, Trainer, Talentsucher, Inverstoren und Fans gleichermaßen zu Wort kommen –, bildet es letztendlich doch nur die Schablone für einen Text, der in seinem Kern keine Gesellschaftskritik (höchstens eine Kritik an der im Cricketbetrieb herrschenden Korruption) formuliert, sondern eine Coming-of-Age Geschichte erzählt, denn im Fokus stehen immer die beiden Brüder und ihr schrittweises Erwachsenwerden, ihre Loslösung von dem verhassten Vater und ihr gleichzeitiger, langsamer Verfall angesichts des Sports, zu dem sie gezwungen wurden und den sie daher innerlich verabscheuen.

Dieser Eindruck wird noch durch die halbtransparente kulturelle Färbung des Romans verstärkt. Zwar schränkt der konkrete Cricketbezug die Länderauswahl wesentlich stärker ein als dies etwa ein Fußballsetting gekonnt hätte und gerade wenn man das Buch als Begleitlektüre auf einer Indienreise dabeihat, gibt es IP ein paar Stellen mit Wiedererkennungswert, die Universalität der Kernerzählung ist jedoch stärker als das kulturelle Diktat des Sports. In diesem Sinne ist es, als würde man Paul Auster lesen und nichts für Baseball überhaben – Golden Boy ist ebenso für all jene geeignet, die sich, so wie ich, nicht besonders für Sport interessieren. Und wie heißt es so schön? Dabei sein ist alles!

 

Golden Boy

Aravind Adiga

Übersetzt von Claudia Wenner

335 Seiten; C.H. Beck 2016

 

[1] Als „Sleeping Policeman“ werden die Myriaden von Temposchwellen liebevoll bezeichnet, die das Durchqueren des Landes in Autos, Bussen oder Rickshaws zu einer unvergleichlichen Freude machen.

Ein Gedanke zu “Unterwegs – Indien, der erste Schritt

  1. Ein wirklich toller Beitrag und ich bin ganz neidisch und gespannt was noch alles von dir kommen wird! Und Bücher passend zum Land zu lesen finde ich interessant und eine tolle Idee – viel Spaß euch beiden Weltenbummlern!

    Liebe Grüße
    Janna

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