No Pain, no gain – eine literarische Pilgerreise zur Erleuchtung

scherenschnitte-ohne-rot-kleinLeicht erhöht über meinem Schreibtisch, auf der linken Seite des Fensterbretts, steht ein schwarzweißer Scherenschnitt, den ich während meines 6-monatigen Aufenthalts in Peking erworben habe. In filigranen, geschwungenen Linien stellt er eine Maske aus der Pekingoper dar, in der rechten unteren Ecke prangen, im Stil eines Siegelstempels, drei Schriftzeichen: 孫悟空. Sūn Wùkōng, der Affenkönig, ist die bekannteste Figur der chinesischen Literaturgeschichte. Jedes chinesische Kind kennt ihn, er ist der Star zahlreicher Zeichentrickserien, Filme, Comics und Computerspiele, doch in Europa hat kaum jemand von ihm gehört. Dabei verdankt er seinen Ruhm einem der vier großen chinesischen klassischen Romane: Die Reise in den Westen. Allerdings erschien erst kürzlich, Ende des Jahres 2016, die erste deutsche Gesamtübersetzung des Textes, angefertigt durch die Sinologin Eva Lüdi Kong.

Der Ende des 16. Jahrhunderts entstandene Roman erzählt die Geschichte des chinesischen Priesters Xuanzang, der gemeinsam mit seinen drei Schülern, dem Affenkönig Sun Wukong, dem Eber Bajie und dem grüngesichtigen Sandmönch, nach Indien reist, um dort heilige Schriften zu holen und damit den Buddhismus in China zu verbreiten. Obwohl Xuanzang die Rolle des Meisters einnimmt, ist Sun Wukong doch der eigentliche Protagonist des Buches. Nicht nur sind die ersten sieben der insgesamt 100 Kapitel seiner Vorgeschichte gewidmet, auch die späteren Erlebnisse werden fast ausschließlich aus seiner Perspektive geschildert. Nur mit Hilfe seiner Zauberkräfte gelingt es den Pilgernden die zahlreichen Herausforderungen, denen sie entlang ihres Weges immer wieder begegnen, zu meistern.

Neben den diversen Ungeheuern und Dämon*innen, die ihnen regelmäßig auflauern, um Xuanzang zu entführen und sein Fleisch zu essen, das Unsterblichkeit verleihen soll, werden ihnen auch Menschen des Öfteren fast zum Verhängnis. So etwa die Königin eines Landes, in dem nur Frauen leben, die versucht den Priester zu verführen, um durch den Beischlaf an seinen heiligen Samen zu gelangen und auf diese Weise ein endloses Leben zu gewinnen. Während Sun Wukong all diese Unannehmlichkeiten mit Humor nimmt und es genießt, seinen Meister damit aufzuziehen, wird der Priester als ängstlicher und geradezu weinerlicher Charakter dargestellt. Das daraus resultierende Gezänk der beiden wirkt aufgrund der einfachen und stellenweise recht derben Sprache des Romans aber eher erheiternd als störend.

Während die Handlung dergestalt auf den ersten Blick den Eindruck einer reinen Abenteuergeschichte erweckt, zeigen die zahlreichen Fußnoten der Übersetzerin Eva Lüdi Kong, dass hinter jeder Episode eine tiefere philosophische Bedeutung steckt. So ist die Pilgerfahrt nach Westen zugleich auch der Weg zur eigenen Vervollkommnung. Ein Ziel, das jedoch nur durch die wiederholte Bewältigung von stetig neuem Leid erreicht werden kann. Die (religiöse) Devise lautet: No pain, no gain. Dabei wird durch die Erläuterungen buddhistischer und daoistischer Begriffe und die Verweise auf Zitate aus älteren Prätexten deutlich gezeigt, dass Jahrhunderte chinesischer Geistesgeschichte in diesem Roman eng miteinander verwoben wurden, wodurch eine zweite Bedeutungsebene eröffnet wird. Diese Verknüpfung von Unterhaltung und Belehrung begründet den hohen literarischen Stellenwert, den der Text in der chinesischen Literaturgeschichte innehat.

In diesem Sinne stellt die erstmalige Gesamtübersetzung von Eva Lüdi Kong, an der sie mehr als 10 Jahre gearbeitet hat, einen wichtigen Meilenstein dar, insbesondere unter Berücksichtigung der Tatsache, dass die anderen drei klassischen Romane – Die Geschichte der drei Reiche, Die Räuber vom Liang-Schan-Moor und Der Traum der Roten Kammer – bereits in den 1930er Jahren von Franz Kuhn übersetzt wurden. Doch das lange Warten hat sich gelohnt, denn nicht nur liefert Lüdi Kongs Übersetzung das philosophie- und kulturgeschichtliche Hintergrundwissen in Form von Fußnoten und einem ausführlichen Nachwort gleich mit, sondern ihre Übertragung ist auch sprachlich äußerst gelungen. Durch ihre Entscheidung den Ton des Originals ebenfalls in einer einfachen, oftmals derben und dabei sehr modernen Sprache wiederzugeben, gelingt es ihr, den Humor der einzelnen Episoden zu bewahren.  Zusätzlich schmücken 100 Holzschnitte aus einer Ausgabe aus dem 17. Jahrhundert die Reclam Hardcover Ausgabe, die von Künstlern einer der berühmtesten Holzschnittschulen Chinas stammen. Auf diese Weise ist ein wundervolles Buch entstanden, dessen Lektüre nicht nur für Sinolog*innen und China-Interessierte zu empfehlen ist, sondern auch für jede/n andere/n, die/der sich für große Literatur begeistert.

 

Die Reise in den Westen

Übersetzt von Eva Lüdi Kong

1320 Seiten; Reclam 2016

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