2016 – eine knappe Retrospektive

Weihnachten ist verfeiert, das Neue Jahr inzwischen ausgeschlafen, geschenkte Bücher sind verschlungen (neue müssen also her!), der Alltag wieder angebrochen und so dürfte es auch an der Zeit sein, sich endlich wieder dem Ernst des Lebens zu stellen. Zwar stimmt es natürlich, dass Lesen meine große Leidenschaft ist und dass auch Schreiben durchaus zu meinen eher ausgelebten Passionen zählt, trotzdem erkennt man als Literaturwissenschaftler schon früh, dass Lesen eben auch zu einer Form von Arbeit werden kann. Auf den ersten Blick mag das für manche wie das Paradies erscheinen, aber wenn Arbeiten bedeutet acht Stunden am Tag zu lesen (nicht, dass ich das tun würde), und das umfasst natürlich nicht nur reine Unterhaltungslektüre, dann kann so etwas der Leidenschaft durchaus auch mal einen kleinen Dämpfer verpassen. Das sind dann die Momente, in denen es sehr hilfreich sein kann, sich einige von den Büchern in Erinnerung zu rufen, die als Treibstoff für meine literarische Begeisterung gedient haben. Und daher, um bei meiner Metapher zu bleiben, möchte ich euch im Folgenden fünf Tankstellen vorstellen, an denen ich es besonders genossen habe während des letztens Jahres einen Zwischenstopp eingelegt zu haben.

Vorweg sei noch gesagt, dass vier der fünf unten aufgezählten Texte nicht aus Asien, Afrika, Lateinamerika oder der arabischen Welt stammen. Da eine solche Einengung meinen Rückblick maßgeblich einschränken würde, habe ich mich dafür entschieden, in diesem Fall keine Rücksicht darauf zu nehmen, denn gute Bücher gibt es nunmal überall auf der Welt. Desweiteren sagt die Reihung meiner Auswahl auch nichts über die jeweilige Qualität des Werkes aus, allen Büchern ist nämlich gemein, dass sie es nur auf die Liste geschafft haben, weil sie mich auf die eine oder andere Weise begeistert haben.

 

Paul Auster: Moon Palace (Mond über Manhattan)

Kurz nach meinem 19. Geburtstag, im Sommer 2010, ich hatte die Schule gerade hinter mir gelassen, bestieg ich alleine einen Zug und machte mich auf zu einer mehrwöchigen Erkundungstour durch Skandinavien. Während mir viele Ereignisse dieser Reise immer noch sehr deutlich vor Augen stehen, gibt es etwas, das mir noch präsenter ist: meine Lektüre von Jack Kerouacs On the road. Ein Werk das Generationen begeistert hat und das auch bei mir seine Wirkung nicht verfehlte. Wenn es ein Buch gibt, von dem ich sagen würde, dass es mein Leben nachhaltig verändert hat, dann ist es dieser Roman, und zwar aufgrund des Lebensgefühls – oder besser gesagt des Lebensdrangs – das er vermittelt. Es ist der Drang hinauszugehen, zu reisen, die Welt zu sehen und einfach nur sein Leben zu Leben – in vollen Zügen (das inkludiert durchaus auch das Lesen).

So etwas verliert man niemals wieder zur Gänze, aber natürlich flaut es ein wenig ab, verblasst und ordnet sich dem gewöhnlichen Alltag unter. Umso essentieller war es für mich, als ich genau dieses Gefühl in Austers Moon Palace wiedergefunden habe. Der Roman erzählt die Geschichte eines jungen Mannes, Marco Fogg (der Verweis auf Phileas Fogg ist durchaus passend), der auf sehr existentialistische Weise um das eigene Überleben kämpft. Sehr deutlich tritt dabei die Dichotomie zwischen dem Sinn und der Sinnhaftigkeit des Lebens in den Vordergrund – etwa wenn Fogg noch relativ am Anfang des Romans seine Wohnung verliert und für mehrere Monate im Central Park wohnt –, ohne dass diese Frage jemals direkt ausgesprochen wird. Leben wird hier zunächst auf seine essentiellste Ebene, dem bloßen Überleben, reduziert, und von dort aus langsam wieder Schaufel für Schaufel neu aufgeschichtet, mit der einzigen bleibenden Erkenntnis, dass der gesamte Vorgang rein willkürlicher Natur ist, und am Ende dementsprechend keine große Wahrheit wartet. So pessimistisch das für manche auch klingen mag, für mich ist es Anlass zu großem Optimismus und Motivation dazu, mein Leben, genau wie schon Kerouac, so ausgiebig wie möglich zu leben.

 

Thomas Bernhard: Der Keller. Eine Entziehung

Denke ich 250 Jahre zurück, bekomme ich das Gefühl, Goethe, Schiller & Co. waren noch in der Lage, die meisten relevanten Bücher ihrer Zeit zu lesen. Betrachte ich hingegen die Gegenwart, so beschleicht mich die fahle Hoffnungslosigkeit, dass die schier unstoppbare Flut an täglich erscheinenden Veröffentlichungen heutzutage für niemanden mehr bewältigbar ist. Nicht nur deutschsprachige Originale, sondern auch Übersetzungen aus anderen Sprachen versorgen uns mit mehr Stoff als wir in vielen Leben lesen könnten, und selbst wenn wir großzügig die Spreu vom Weizen trennen, bleibt immer noch viel zu viel über. Verfolgt man also kein bestimmtes Programm, kann es schnell passieren, dass man, so wie ich, überraschend wenig von dem gelesen hat, was die eigene Sprache hervor gebracht hat. Dabei ist das natürlich keineswegs auf die Qualität der Texte zurückzuführen, sondern ganz einfach nur auf die Überfülle des Angebots. Als Beleg hierfür soll mir Thomas Bernhard, einer meiner deutschsprachigen Lieblingsautoren, dienen.

Der Keller ist der zweite Teil seiner fünfteiligen Autobiographie und erzählt von seiner Lehrzeit in einem Lebensmittelgeschäft, nachdem er beschlossen hat, die Schule frühzeitig abzubrechen. Genau wie die meisten anderen Texte von Bernhard trieft dieses Buch ebenfalls vor Zynismus, ist zugleich aber eine wunderbare Reflexion der menschlichen Abgründe, repräsentiert durch den kleinbürgerlichen Mikrokosmos. Wahrheit wird dabei auf äußerst bösartige, wenn auch äußerst humoristische Weise geschildert, was sie zwar um nichts weniger wahr macht, dafür aber sehr unterhaltsam. Darüberhinaus ist es auch die Geschichte eines verzweifelten Jungen, der von der Falschheit der Welt angeekelt ist und versucht sich mit dieser zu arrangieren indem er seinen eigenen Weg abseits des ihm Vorgedachten erkundet, was ihn zuweilen, etwa bei dem Anblick einer Eisenbahnbrücke in Ein Kind, zu Erkenntnissen bringt, wie dass das Schönste in seinem Leben die Tatsache ist, dass er sich jederzeit selbst umbringen könnte. Pessimismus und Optimismus liegen hier lediglich einen Katzensprung voneinander entfernt.

 

Guy Delisle: Pjöngjang

Genau wie in der Kulinarik ist auch in der Literatur ein abwechslungsreicher Speiseplan wichtig für die Erhaltung der körperlichen und geistigen Gesundheit. Aus diesem Grund lege ich den jeweils aktuellen Roman ab und an gerne zur Seite und greife nach einem der begierig wartenden Comics in meinem Bücherregal. Diesem Vorsatz folgend fand Anfang des letzten Jahres einer der Erfahrungsberichte von Guy Delisle seinen Weg in meine Hände. Darin verschlägt es den Comickünstler und Trickfilmzeichner in eine asiatische Stadt, die nur relativ wenige Ausländer jemals besucht haben: Im nordkoreanischen Pjöngjang soll er als Supervisor die Produktion von Zeichentrickfilmen überschauen. Was er dort erlebt und beobachtet, schildert er auf humoristische Weise in minimalistischen schwarz-weiß Zeichnungen, wobei er immer versucht offen auf seine neue Umwelt zuzugehen und gleichzeitig die Grenzen seines neuen, streng überwachten Lebens soweit als möglich auszutesten. Es gelingt ihm dabei, ein vielschichtiges Bild der bizarren Verhältnisse in Nordkorea zu entwerfen, das nicht nur unterhält, sondern auch Aufschluss über das Leben von Ausländern und Einheimischen, deren Mentalität und Kultur gibt – sei es die Unnahbarkeit seines koreanischen Übersetzers oder die unbeirrbare Verehrung des Führers, die alle an den Tag legen. Obwohl aus Sicht eines Ausländers und als persönlicher Erfahrungsbericht geschrieben, gelingt es diesem Comic doch immer wieder, mit genügend Distanz über das Erlebte zu reflektieren und somit eine eindimensionale Denk- und Betrachtungsweise zu vermeiden.

 

Cees Nooteboom: Die folgende Geschichte

Spätestens an dieser Stelle dürfte klar werden, woher ich den Titel meines Blogs entlehnt habe. Nootebooms Novelle wurde mir von einem Arbeitskollegen empfohlen, kurz bevor ich den Entschluss gefasst habe, meine literarischen Reflexionen im Internet zu veröffentlichen. Obwohl ich seit jeher ein eher langsamer Leser bin und es somit nur sehr selten vorkommt, dass ich ein Buch innerhalb von ein oder zwei Tagen zu Ende lese, habe ich den größten Teil von Nootebooms Werk an einem einzigen Nachmittag verschlungen. Das lag einerseits an der brillanten Sprache, die das Auge, einem Nachen gleich, langsam und sicher über den Strom der Worte trägt, und andererseits an den interessanten Gedankengängen der Hauptfigur, die auf gerade mal 160 Seiten über Leben und Tod philosophiert und sich dabei immer wieder in mythologischen Anspielungen verliert. Die Handlung selbst mutet stellenweise eher surreal an, denn der Protagonist wacht in einer gänzlich anderen Stadt auf, als in der, in der er eingeschlafen ist, und verbringt viel Zeit damit, darüber nachzudenken, wie eine solche Wanderung möglich ist. Auf diese Weise schwanken seine Überlegungen sanft in der Zeit vor und zurück und erzeugen dadurch immer weiter werdende konzentrische Kreise, in denen leicht verzerrt sein eigenes Spiegelbild zu erkennen ist. Als Kontrast zu dieser Schilderung seines Lebens dient im zweiten Teil eine bizarre Bootsfahrt, auf der ein Fahrgast nach dem anderen aus dem Leben scheidet, bis schließlich der Protagonist an der Reihe ist. Dementsprechend schließt sich an dieser Stelle auch innerhalb der Erzählung der Kreislauf von Leben und Tod und die gesamte Erzählhaltung wird plötzlich ein wenig verrückt, als die Novelle mit den Worten schließt: „Und dann erzählte ich ihr, dann erzählte ich ihr die folgende Geschichte.“

 

Ivan Vladislavić: Double Negative

Ivan Vladislavić ist für mich persönlich die wichtigste Neuentdeckung des letzten Jahres und sein Buch Double Negative zählt neben Moon Palace zu meinen absoluten literarischen Highlights von 2016. Da ich darüber jedoch bereits einen Beitrag verfasst habe, möchte ich mich hier eher auf andere Werke konzentrieren. Selten war meine Begeisterung für einen Schriftsteller so groß, und nach meiner ersten Berührung mit den Texten von Vladislavić konnte ich überhaupt nicht mehr genug davon bekommen, sodass ich binnen kurzer Zeit drei weitere Bücher verschlungen habe. Zuerst kam der Roman Exploded View Johannesburg, darauf folgte die Novelle Der Plan des Baumeisters und schließlich landete ich bei dem Erzählband Die Terminalbar und andere endgültige Geschichten. Zwar haben mich alle drei Werke sehr begeistert, eine Erzählung aus dem letzten Band hat es mir jedoch besonders angetan. In „Protokoll eines Mauerbaus“ berichtet ein namenloser Ich-Erzähler davon, wie sein Nachbar beginnt, um sein Grundstück herum eine Mauer zu errichten. Mit einer obsessiven Detailtreue schildert er jeden Schritt des Mannes, kritisiert seine Arbeitstechnik, bewundert seine Zielgerichtetheit, fleht darum, Teil des Projekts zu werden und wird rasend vor Wut, als ihm dies verwehrt wird. Vladislavić beweist dabei nicht nur ungeheure erzählerische Präzision, die an Kafkas „Beim Bau der Chinesischen Mauer“ erinnert, sondern auch – ganz im Stile eines Jorge Luis Borges – die Fähigkeit, eine ganze Welt in einem winzigen Mikrokosmos einzufangen, jeden Satz spürbar zu machen und zu einem essentiellen Teil unserer Leserealität werden zu lassen, die an uns zieht und zerrt und droht, uns nicht mehr loszulassen.

 

Solltest Du lieber Leser oder liebe Leserin eines dieser Bücher gelesen haben, würde ich mich sehr über Deine Meinung in den Kommentaren freuen. Alternativ bin ich natürlich auch immer auf der Suche nach neuen lohnenswerten Lektüren, eigene Vorschläge sind also ebenfalls gerne willkommen!

7 Gedanken zu “2016 – eine knappe Retrospektive

  1. Huhu!

    Von Paul Auster habe ich seit „Mr. Vertigo“ nichts mehr gelesen, und das war 1995… Dabei war ich von dem Buch sehr begeistert und hatte mir damals auch vorgenommen, mehr Bücher des Autors zu lesen! Aber ich habe mir ohnehin schon ein paar seiner neueren Werke auf die Wunschliste gesetzt. Auch „Moon Palace“!

    „Pjöngjang“ klingt sehr interessant, das werde ich mir auf jden Fall mal näher anschauen.

    Cees Nooteboom ist einer der Autoren, die ich eigentlich schon lange mal gelesen haben wollte!

    Auch „Double Negative“ werde ich mal genauer in Augenschein nehmen.
    LG,
    Mikka

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    • Hallo Mikka,
      es freut mich, wenn die Bücher auch für dich von Interesse sind. Neben „Moon Palace“ kann ich von Auster ganz besonders „City of Glass“ empfehlen, den ersten Teil der New York Trilogy, eines meiner absoluten Lieblingsbücher. Ist auch nicht allzu dick, kann man also gut mal zwischendurch lesen!
      Beste Grüße,
      dein Koliteratör

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  2. Hallo!
    Ich kenne deine vorgestellten Bücher nicht. Es ist aber toll, dass es so eine große Buchvielfalt gibt und wir täglich Neues entdecken können und dürfen. 🙂
    Mein Lese-Schwerpunkt ist die arabische Welt / arabische Literatur / Orient / Islam. Falls dich da etwas interessiert, findest du unter dem TAG „arabische Welt“ Bücher, die ich gerne gelesen und bisher rezensiert habe. 😉 Bin auf weitere neue Büchervorstellungen von dir gespannt.
    LG vom monerl

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    • Hallo Monerl,
      danke für dein Interesse. Gerade Literatur aus der Arabischen Welt kommt bei meiner regelmäßigen Lektüre leider oft etwas zu kurz, werde aber gerne mal bei dir vorbeischauen, um mir ein bisschen Inspiration zu holen!
      Beste Grüße,
      dein Koliteratör

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  3. Hallo,
    Das ist eine interessante Mischung, freut mich das sie dir so gut gefallen haben. Für mich ist eher nichts dabei, zumindest jetzt gerade nicht. Die folgende Geschichte werde ich mir trotzdem vormerken.
    Danke
    LG Sonja

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