Die autobiografische Lüge, oder: die fiktionale Wahrheit

Auf die Frage, ob es ihn nerve, dass er oft gefragt wird, wie autobiografisch seine Bücher sind, sagte der chilenische Autor Alejandro Zambra in einem Interview mit Silke Kleemann: „Die Frage nach dem autobiografischen Anteil ist ganz natürlich, weil alles autobiografisch ist. Lästiger ist vielleicht die Vorstellung, Fiktion sei gleichbedeutend mit Lüge oder dass eine Autobiografie ehrlich sei. Es gibt kein verlogeneres literarisches Genre als eine Autobiografie.”[1] Auch Eduardo Halfon brachte mit Signor Hoffman im letzten Jahr einen großartigen Roman heraus, der stark autobiografische Züge trägt, nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass Autor und Erzähler den selben Namen tragen. In einem vom Hanser Verlag durchgeführten Interview äußerte sich der guatemaltekische Romancier dazu und nahm dabei eine ähnliche Position ein wie sein Schriftstellerkollege: „Man könnte […] sagen, dass einzig der Ausgangspunkt jeder Geschichte und jedes Buches, das ich schreibe, autobiografisch ist; dass der Hintergrund meines ganzen Werkes, das, was sich hinter dem Vorhang abspielt, meine Autobiografie ist. Aber das Stück, das dann vor diesem Vorhang aufgeführt wird, ist Fiktion.“[2]

Liest man das gesamte Interview, stellt man fest, dass die beiden besonders in einem Punkt übereinstimmen, nämlich, dass Fiktion nicht automatisch gleichbedeutend ist mit Lüge. Zwar ist es Halfon wichtig klarzustellen, dass sein Roman nicht autobiografisch ist, trotzdem unterstreicht er noch einmal die Bedeutung seines Werkes für ihn selbst wenn er weiter ausführt: „[…] ich bin auf der Suche, um etwas über mich selbst zu verstehen oder zu finden, durch sie.“[3] Sie, das sind die Figuren und allen voran der Erzähler, Eduardo Halfon. Dieser ist genau wie sein Erschaffer ständig unterwegs, fühlt sich genau wie sein Schöpfer nirgendwo wirklich zuhause und ist genau wie sein Kreator hin- und hergerissen zwischen seiner Ablehnung des ihm aufgezwungenen Glaubens, dem Judentum, und der gleichzeitigen Suche nach den eigenen Wurzeln.

 

Unser historisches Erbe

Einmal bezeichnet sich der Erzähler als „Jude in Rente“, wofür er prompt von seinem Gegenüber kritisiert wird. An einer anderen Stelle wird die Kritik an seiner Distanzierung von dem ihm auferlegten Glauben so heftig – sein Bruder erklärt ihm, dass das Jüdische in seinem Blut ist, dass es sein Erbe ist –, dass er unwillkürlich an die Reden Hitlers denken muss. Ihm wird das Gefühl vermittelt, als wäre es seine Pflicht sich der Religion seiner Vorfahren unterzuordnen, doch genau hierin liegt die Crux. Zwar lehnt Halfon ab, was ihm ohne seine Entscheidung aufgezwungen wurde, sei es nun der Glaube selbst oder die daraus resultierende Lebensweise, ein Umstand der besonders gut sichtbar wird als er nach Israel reist, um an der Hochzeit seiner Schwester teilzunehmen, die dort einer Glaubensgemeinschaft von orthodoxen Juden beigetreten ist. Ihre neugewonnene Frömmigkeit treibt einen Keil zwischen die Geschwister und entfernt sie fast bis zur vollkommenen Entfremdung voneinander, die eine ultra gläubig, der andere scheinbar schon fast an der Grenze zum Atheismus.

Zugleich macht er sich aber auf die Suche nach seiner Vergangenheit, seinen Wurzeln, das heißt der Geschichte seines Großvaters, das heißt seiner eigenen Geschichte: „Dort, auf diesem in der Mitte gefalteten gelben Zettel, auf dieser letzten krakeligen handschriftlichen Notiz von ihm, die ich jetzt […] umklammerte wie einen Talisman, befanden sich die Achsen der Geschichte meines Großvaters, einer Geschichte, die in gewisser Weise auch die meine war. Letzten Endes ist unsere Geschichte immer unser eigenes Erbe.“ Auf dieser Reise nach Polen, um die alte Wohnung seines Großvaters zu besuchen, der dort aufgewachsen war und dort gelebt hatte bis er von den Nazis festgenommen und in ein Konzentrationslager verfrachtet wurde, stößt der Erzähler noch auf eine andere, interessante Geschichte, die indirekt mit seiner eigenen Identität zu tun hat.

 

Das Ich, eine Autofiktion: Signor Hoffman(n)

Eine alte Polin, Madame Maroszek, erzählt ihm davon wie der berühmte Schriftsteller E.T.A. Hoffmann als Regierungsrat in Warschau, dank einem preußischen Erlass, die Aufgabe bekam, den Warschauer Juden Nachnamen zu geben: „[…] diese Namen, die allesamt Hoffmanns Erfindung waren, seien wirkliche geworden, sobald er sie aussprach und in ein Heft schrieb, und als wirkliche Namen hätten sie sich dann über die Welt verteilt.“ Der identitätsstiftenden Wirkung einer solchen Namensgebung ist sich auch der Erzähler bewusst. Einmal, zu Beginn des Romans, wird er – durch eine kleine, metafiktionale Spielerei des Schriftstellers – bei einem Gespräch irrtümlich mit falschem Namen vorgestellt, als sein Gegenüber bei einem schnellen Blick auf seinen neusten Roman den Titel mit dem Namen des Autors verwechselt, und ihn also nicht Eduardo Halfon, sondern Signor Hoffman nennt. Als der Erzähler sich später in Polen unter dem Einsatz von Händen und Füßen mit einem alten Liftwart unterhält, versucht er sich zuerst als Halfon vorzustellen, schwenkt dann aber, nachdem er auf dem Gesicht des Mannes nur Unverständniss und Verwirrung erkennt, auf den Namen Hoffman um, was bei dem Alten endlich einen Ausdruck des Verstehens hervorruft. Einerseits versteckt er sich dabei hinter einem erfundenen Namen, andererseits attestiert er einige Seiten später: „[…] dass ein Name, jeder Name so bedeutsam ist und so kapriziös und so erfunden und dass wir alle letztlich zu unserer eigenen Fiktion werden.“

In einem letzten Schritt, der einzigen pathetischen Stelle im gesamten Roman, schlägt der Autor schließlich noch die Brücke von Hoffman zu Halfon, als er von Madame Maroszek gefragt wird, ob sein richtiger Nachname denn eine Bedeutung hätte: „Ich antwortete, ich sei nicht sicher, tatsächlich sei es nur die Hälfte des ursprünglichen Namens (die zweite Hälfte schnitt ein Einwanderungsbeamter auf Ellis Island ab, weil es ihm eben so passte), aber nach Angaben meines Großvaters väterlicherseits, meines Großvaters aus dem Libanon, stamme Halfon von einem althebräischen oder altpersischen Wort ab, das bedeutet: der sein Leben ändert.“ Und tatsächlich scheint das Leben des Erzählers einer ständigen Veränderung unterworfen, sodass er niemals zum Stillstand kommt, niemals eine endgültige Identität finden kann (sei es nun als Halfon oder als Hoffman) – falls es so etwas überhaupt geben sollte.

Zum Schluss möchte ich noch einen anderen Aspekt dieses großartigen Romans aufgreifen, und zwar die Tatsache, dass es sich hierbei nicht nur insgesamt um ein wichtiges, zum Nachdenken anregendes Werk handelt, dessen flüssiger, unterhaltsamer Stil es einem schwer macht, das Buch aus der Hand zu legen, sondern dass er für mich auch einen der besten Sätze beinhaltet, den ich seit langem gelesen habe und dem ich ohne zu zögern weltliterarischen Wert attestieren würde (möglicherweise muss er erst ein wenig sickern): „Ich mag es, das Meer zu betrachten wie eine Nachbarin, die nackt und strahlend in ihrem nächtlichen Fenster steht: aus der Ferne.“

Signor Hoffman

Eduardo Halfon

Übersetzt von Luis Ruby

192 Seiten; Hanser Verlag 2016

 

[1] Das vollständige Interview erschien unter dem Titel Vom Regen anderer Zeiten durchnässt in den LiteraturNachrichten 125, Herbst 2016, S. 8-9. Online unter: http://litprom.de/files/ln_125_herbst16.pdf [letzter Zugriff am 6.12.2016]

[2] Das vollständige Interview erschien auf der Seite des Hanserverlags. Online unter: https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/signor-hoffman/978-3-446-25275-2/#fivequestions [letzter Zugriff am 6.12.2016]

[3] Ebd.

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