Liebe ist keine große Wahrheit

Die Liebe – oder besser gesagt ihre vielschichtigen Formen und Spielarten – steht im Mittelpunkt von Amanda Lee Koes Erzählband Ministerium für öffentliche Erregung[1], und prompt stellt sich die Frage: Was ist das überhaupt, die Liebe? Betrachtet man die Titel der einzelnen Geschichten, stößt man schon bald auf eine Antwort: „Liebe ist keine große Wahrheit“. Tatsächlich weigert sich Amanda Lee Koe in ihren Erzählungen, Liebe zu so etwas wie einer universellen Lösung für all unsere Probleme zu machen. Klar, Liebe kann etwas wundervolles sein, etwas, das uns das Leben erträglich macht und ihm einen Sinn verleiht, doch sie ist nicht 42, sie ist nicht die Antwort auf alle Fragen.

Besagte Geschichte etwa handelt von einer Frau, die, kurz nachdem ihr Gesicht durch einen Autounfall entstellt wird, von ihrem Mann verlassen wird. Anstatt aber aus ihrer gemeinsamen Wohnung auszuziehen, beginnt er seine neue Geliebte nachhause mitzubringen. Somit ist es schlussendlich die Frau, die, als sie die Situation nicht mehr eträgt, für sich und ihre Tochter eine neue Bleibe sucht. Erst als das Mädchen erwachsen ist und selbst heiratet, stellt die Ich-Erzählerin fest, dass sie nun, zum ersten Mal in ihrem Leben, niemandem mehr verplichtet ist, und so endet die Geschichte mit dem Satz: „Einsamkeit ist Freiheit“. Auf den ersten Blick ist es hier also die Einsamkeit, dieser oftmals so negativ konnotierte Zustand, und nicht die Liebe, die am Ende Glück bedeutet. Allerdings bringt Amanda Lee Koe an dieser Stelle eine zweite wichtige Form von Liebe ins Spiel, nämlich die Liebe zu sich selbst. Nicht umsonst trägt ein späterer Abschnitt den Titel „Alice, du musst der Mittelpunkt deines eigenen Universums sein“.

Jede neue Geschichte bringt einen neuen Aspekt des untersuchten Gegenstands zum Ausdruck. „Der König von Caldecott Hill“ etwa handelt von einer jungen Kellnerin, die als Kind von ihrer Mutter misshandelt wurde und Zuflucht in der Gegenwart ihres Lieblingsserienheldens suchte, bis sie ihn eines Tages tatsächlich in dem Restaurant, in dem sie arbeitet, trifft und nicht so recht weiß, wie sie mit der realen Person umgehen soll. Und dann gibt es da noch die Geschichte einer Freundschaft zwischen einer Studentin und einer alten Frau, die ihrer jungen Freundin gesteht, dass sie sich ein bisschen in sie verliebt hat, ohne dass sie dabei jedoch an eine Romanze denkt. Diese platonische Liebe wird zerstört als Alice, die junge Studentin, herausfindet, dass Jenny glücklich verheiratet ist und dadurch erkennt, dass sie sie gar nicht gebraucht hat, um eine Leerstelle in ihrem Leben zu füllen. Aber ist das alles was Liebe bedeutet, eine Leerstelle im Leben eines anderen Menschen zu füllen? „Sirene“ schließlich handelt von der Liebe zwischen einem alten Seemann und der tödlichen, titelgebenden mythologischen Kreatur, sowie dem Schicksal des androgynen Kindes, das aus dieser Verbindung hervorgeht und dessen kurzer, leidenschaftlicher Liebesnacht mit einem ehemaligen Schulkollegen.

Keine dieser Erzählungen ist konventionell und keine gipfelt in einem wirklichen Happy End. Obwohl Liebe das zentrale Thema jeder Geschichte ist, wird es doch niemals kitschig. Stattdessen werden alle Ereignisse, egal ob die Figuren in der 1., 2. oder 3. Person angesprochen werden, aus einer gewissen Distanz heraus geschildert, die es Amanda Lee Koe erlaubt, in ihren Beschreibungen einen rationalen, reflektierten Stil beizubehalten und dabei niemals pathetisch zu werden. Liebe wird nicht romantisiert, stattdessen verhandelt die Autorin in ihren Erzählungen ständig aufs Neue die Frage, ob Liebe eigentlich immer nur für einen Augenblick möglich ist und ob sie, ultimativ gesehen, keinen dauerhaften Bestand hat? Es ist daher nicht zu leugnen, dass alle Geschichten einen pessimistischen Unterton zu haben scheinen, doch bedeutet das nicht, dass sie die Liebe als etwas Negatives darstellen. Im Gegenteil, es schwingt in jeder Erzählung auch ein vages Gefühl von Hoffnung mit, denn selbst wenn Liebe keine universelle Lösung ist, so kann sie, zumindest solange sie währt, doch etwas Schönes und Erfüllendes sein.

Ministerium für öffentliche Erregung

Amanda Lee Koe

Übersetzt von Zoë Beck

240 Seiten; CulturBooks 2016

 

[1] Das Werk wurde von der Jury auf Platz 1 der aktuellen Litprom Weltempfänger-Bestenliste gewählt. http://litprom.de/projekte/weltempfaenger.html

Ein Gedanke zu “Liebe ist keine große Wahrheit

  1. Pingback: Unterwegs – Singapur: ein Leben im (literarischen) Raum. Teil 2 | Die folgende Geschichte...

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s