Von Macht, Magie und Postkolonialismus

Wie fasst man die Handlung eines über 900 Seiten langen Romans in möglichst wenig Worten zusammen? Ein Versuch: Postkoloniale Kritik. Noch ein Versuch: Aburĩria, Reich eines größenwahnsinnigen, machthungrigen Diktators, Treffpunkt der Warteschlangendämonen, Baugrund des neuen Turms von Babel, Heimat des mächtigen Hexenmeisters „Herr der Krähen“, „dessen Macht Falken und Krähen vom Himmel holt“, Ursprung des Weiß-Wahns, Zentrum von Geldgier und Intrige, ehemalige britische Kolonie, fiktiver afrikanischer Staat – und gerade durch seine Vergangenheit auch Spielball für monetäre und politische Interessen des Westens.

So vieles versteckt sich in diesen kurzen Inhaltsfragmenten, trotzdem wird meine Beschreibung dem Roman kaum gerecht. Nur andeutungsweise ist darin der intensive Schimmer der in dem Buch verpackten Intelligenz und der humorvoll integrierten, omnipräsent mitschwingenden Kritik erahnbar. Diese Kritik wird manchmal laut ausgesprochen, etwa wenn der Herrscher zu einem amerikanischen Abgesandten sagt: „Ich möchte Sie daran erinnern, dass wir hier in Afrika sind und dass auch wir unsere afrikanischen Regierungsformen haben. Die Demokratie, die für Europa und Amerika angemessen ist, muss nicht zwangsläufig auch für Afrika das Richtige sein. Hier bei uns gibt es ein Sprichtwort: Man baut sein Haus nicht nach den Bedürfnissen seines Nachbarn.“ Obwohl diese Worte von einem grausamen Diktator ausgesprochen werden, regen sie besonders in unserer heutigen Zeit doch zum Nachdenken an.

An anderen Stellen kommt die Kritik durch die Absurdität der jeweiligen Situation zum Ausdruck, die selbst den Protagonist*innen des Romans ein Kopfschütteln entlockt. Etwa im Fall von Tajirika, dem Vorsitzenden des „Marching to Heaven“-Komitees, dessen Ziel es ist, einen Turm zu bauen, der so hoch ist, dass der Herrscher „jeden Tag bei Gott vorbeischauen und ihm Guten Morgen oder Guten Abend wünschen oder ihn einfach fragen könne: Wie war dein Tag heute, Gott?“ Ebenjener Tajirika wird krank, als er am Tag seiner Ernennung zum Vorsitzenden des Projekts eine riesige Summe Bestechungsgeld überreicht bekommt, woraufhin er prompt und im wahrsten Sinne des Wortes die Sprache verliert. Seine Frau bringt ihn zum Herrn der Krähen, einem Naturheiler und Hexenmeister, der bei dem Mann eine Form von „Weiß-Wahn“ diagnostiziert. Ausgelöst durch seinen plötzlichen Reichtum wünscht Tajirika sich nichts sehnlicher als weiß zu sein, eine Hautfarbe, die er unterbewusst mit Macht assoziiert. Was auf den ersten Blick lachhaft und absurd klingt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als bittere Kritik an den herrschenden Verhältnissen.

Auffällig ist im Laufe des Buches auch immer wieder die Dichotomie zwischen westlichem Kapitalismus, der in Form von Weiß-Wahn viele Charaktere befällt, und afrikanischer Zauberei, die als Gegensatz zu westlicher Wissenschaft gesehen wird, und zu der zugleich viele reiche Unternehmer und Politiker Zuflucht nehmen, wenn sie das Gefühl haben, von bösen Dämonen verfolgt zu werden. Mit dem Herrscher, seinen Ministern und anderen wohlhabenden Geschäftsmännern auf der einen Seite, dem Herrn der Krähen als Repräsentant für Magie und Naturverbundenheit auf der anderen Seite und der Bewegung für die Stimme des Volkes, die vor allem bessere Lebensbedingungen und mehr Mitspracherecht für die normalen Bürger fordert, irgendwo dazwischen, zeichnet Ngũgĩ wa Thiong’o ein vielschichtiges Bild von Aburĩrias postkolonialer Gesellschaft.

Viele weitere konkrete Beispiele ließen sich auf den rund 940 Seiten des Romans finden. Trotzdem bin ich der Meinung, dass das Buch stellenweise etwas kürzer hätte ausfallen können, denn die sich ewig wiederholenden Intrigen und Machtspielchen wirken nach mehreren hundert Seiten irgendwann ein wenig ermüdend. Abgesehen davon sollte jedoch schon ein solch kurzer Einblick genügt haben, um die inhaltliche Fülle dieses monumentalen Werkes zu zeigen, dessen Lektüre nicht nur unglaublich unterhaltsam ist, sondern zugleich ebenfalls Gedanken aufwirbelt, die, einmal freigelegt, wie das langersehnte Öl im Zahnradgetriebe unseres reflektierten Denkvermögens wirken.

Herr der Krähen

Ngũgĩ wa Thiong’o

Übersetzt von Thomas Brückner

944 Seiten; A1-Verlag 2011

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