Geschichten von den Yi

„Tja, ein lauter Furz hatte ein Menschenleben gefordert.“, heißt es in einer Erzählung von Feng Liang. Der Text trägt die Überschrift „Ein schamhaftes Volk“ und ist eine von sieben Erzählungen, die den Hauptteil des kürzlich erschienen Bands „Halb Yi, halb Han-Chinesin. Literarisch-ethnologische Essays“ konstituieren. Dabei ist der Titel eigentlich irreführend, erweckt die Kombination „ethnologische Essays“ doch einen Eindruck von Wissenschaftlichkeit, um die es in den Texten gar nicht geht. Stattdessen sollte das Wort „literarisch“ in den Vordergrund gerückt werden, denn Feng Liangs Erzählungen – um nichts anderes handelt es sich hier – sind von hoher literarischer Qualität.

In ihren Geschichten vermischt sie Fakten aus der eigenen familiären Vergangenheit mit den Schicksalen anderer Yi und schlüpft auch manchmal in deren Köpfe, was ihre Berichte als eindeutig fiktiv kennzeichnet. Dabei beweist sie oftmals einen ausgezeichneten Humor, so etwa in der oben erwähnten Erzählung, in der ein Mann Selbstmord begeht, nachdem es ihm in der Gegenwart von anderen nicht gelingt seine Darmwinde zu zügeln. Was im ersten Moment absurd und amüsant wirkt, ist in Wirklichkeit sehr tragisch, stecken hinter der Anekdote doch tatsächlich gelebte, kulturelle Realitäten. Genau darin liegt aber die große Kunstfertigkeit von Feng Liang. Sie schafft es, mit einem literarischen Augenzwinkern, die Geschichte voller Humor und Ironie zu erzählen, ohne sich zugleich jedoch über die bittere Wahrheit, die dahinter steckt, lustig zu machen.

Ähnlich gekonnt satirisch ist ihr Bericht von den aus kleinen, abgelegenen Dörfern in die Kreisstadt kommenden Abgeordneten, die bei einer Versammlung die Interessen ihrer Gemeinschaft vertreten sollen. Einige von ihnen sind nicht in der Lage den vielen Ansprachen zu folgen, da sie überhaupt kein Chinesisch verstehen, was dazu führt, dass sie während den revolutionären Kundgebungen immer wieder einschlafen. Dahinter steckt natürlich keine böse Absicht, stattdessen attestiert Feng Liang: „Ihr Gefühl der Ehre, für die Volksmassen als Vertreter zu fungieren, war fest und unerschütterlich. Ihre eigentliche Botschaft lautete, sie würden überaus vorsichtig darauf achten, dass der Teilnehmerausweis auf ihrer Brust nicht vom Wind weggeweht, vom Regen durchnässt oder von einem Ast zerrissen würde, schließlich war er aus Papier. Bei guter Pflege könnten sie, dem Vernehmen nach, bis zu einem halben Jahr halten.“

An anderen Stellen nehmen die Erzählungen einen legendenhaften Tonfall an, etwa wenn von dem Vater ihrer Stiefmutter berichtet wird, der ein namhafter Mann war, und über den es heißt: „dass [er] mächtig essen konnte, nämlich so viel, dass die Quelle, zu der er sein geröstetes Mehl aß, zuletzt versiegte, sodass er beim besten Willen nicht mehr weiter essen konnte.“ Als eben jener Mann nur kurze Zeit später mit seinem Pferd an einen „überaus steilen Abhang“ gelangte, unter dem ein Bergbach verlief, scheute das Tier zurück, „wobei ihm seine eigene Feigheit peinlich gewesen sei.“ Was tat da der Vater von Feng Liangs Stiefmutter? „Ruckzuck habe er das Pferd auf seine Schultern gehievt […] und sei sodann mit einem großen Satz auf der anderen Seite des Bergbachs gelandet.“

 

Neben dieser eindeutig „literarischen“ Zuordnung trifft natürlich auch die im Titel verwendete Markierung als „ethnologisch“ insofern zu, als der Autorin daran gelegen ist, einen kleinen Einblick in die Kultur der Yi, einer chinesischen Minderheit aus dem Liangshan-Gebiet im Südwesten der Provinz Sichuan im Süden Chinas, zu vermitteln. Der Hintergrund hierfür liegt in ihrer eigenen Identität und es handelt sich somit bei den Erzählungen ebenfalls um eine persönliche Spurensuche, denn während Feng Liangs Vater ein Han-Chinese war, waren ihre Mutter und Stiefmutter beide Angehörige der Yi. Diesen Sachverhalt thematisiert die Autorin immer wieder, wodurch die Außergewöhnlichkeit der Situation mehr als deutlich wird. Zwar gab es schon in den 50ern viele Grenzregionen im Liangshan, in denen Yi und Han nebeneinander wohnten, trotzdem schreibt Olivia Kraef-Leicht in ihrem Nachwort: „Als absolutes Tabu wurde dabei die Liaison oder sogar Eheschließung mit einem Han (oder einer Han) angesehen. Sie war, schlicht und ergreifend, undenkbar.“

Damit wären wir schließlich auch beim wissenschaftlichen Teil angelangt, denn das letzte Viertel des Buches bietet Platz für einen, unter dem Titel „Nachwort“ fungierenden, wissenschaftlichen Artikel, in dem Olivia Kraef-Leicht aus einer objektiven Position heraus von der Kultur, den Bräuchen und Traditionen der Yi erzählt. Dieser Text ist in keiner Weise notwendig um Feng Liangs Geschichten zu verstehen, umgekehrt aber können diese das Bedürfnis danach wecken, mehr über die Yi zu erfahren, ein Drang, dem somit leicht Abhilfe geschaffen werden kann.

Halb Yi, halb Han-Chinesin. Literarisch-ethnologische Essays

Feng Liang 冯良

Übersetzt von Xiujie Wu, Christoph Palm und Dorothee Schaab-Hanke, mit Anmerkungen und einem Nachwort von Olivia Kraef-Leicht und mit Illustrationen von Cheng Conglin

189 Seiten; OSTASIEN Verlag 2016

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