Afrikanische Science Fiction – Eine Invasion aus dem Meer

Außerirdische vor der Küste von Lagos, mutierende Meeresbewohner, die sich in menschenhassende Monster verwandeln, und drei Städter mit übernatürlichen Fähigkeiten, die von den „Besuchern“ auserwählt werden, um sie dabei zu unterstützen, ihre frohe Botschaft, nämlich, dass sie den Menschen Veränderung bringen wollen – was das genau bedeuten soll, bleibt bis zum Schluss unklar –, zu verkünden.  So kompakt und nuancenlos lässt sich in einem Satz nahezu alles zusammenfassen, was man über „Lagune“, den neuen Roman von Nnedi Okorafor, wissen muss. Doch fehlt es einer so komprimierten Kritik noch an Transparenz, weshalb ich im Folgenden näher erklären möchte, warum ich das Buch leider nicht weiterempfehlen kann.

 

Vor kurzem habe ich einen BBC-Podcast über afrikanische Science Fiction gehört[1]. Dabei geht es vor allem um die Vermischung von klassischen SF-Motiven mit afrikanischen Lebenswelten. Nicht nur ist der Schauplatz keine typische westliche Großstadt – die Menschen, ihre Sprache und ihre Umgebung wirken für westliche Leser*innen somit weniger vertraut und bedürfen oftmals eigener Erklärungen (wie in diesem Buch durch das Glossar) –, sondern auch andere Elemente zeichnen dieses Subgenre aus, etwa der Einsatz von Magie und Schamanismus, das Auftreten von Figuren aus der lokalen Mythen- und Geisterwelt sowie eine gelegentliche Priorisierung der Natur, die sich Technologie nicht unterordnet, sondern ihr ebenbürtig oder sogar überlegen gegenübersteht.

All diese Charakteristika spielen bei Okorafor eine wichtige Rolle. Am Anfang des Romans treffen drei Personen wie zufällig an einem Strand in Lagos zusammen. Adaora, Agu und Anthony sind die drei Protagonist*innen der Geschichte, die von den Außerirdischen entführt werden und ihnen anschließend helfen sollen, mit den Bewohnern Nigerias zu kommunizieren. Hierfür kommt eine der „Besucherinnen“, die von Adaora Ayodele getauft wird und die genau wie alle anderen ihres Volkes in der Lage dazu ist, Materie zu steuern und damit ihre eigene, aber auch die Form anderer Lebewesen und Dinge zu verändern, mit ihnen, um durch sie bis zum Präsidenten vorzudringen. Gemeinsam kämpfen sich die Vier durch das Chaos, welches nach der Ankunft der Fremden entstanden ist. Dabei stoßen sie natürlich immer wieder auf Widerstand, etwa Adaoras Ehemann Chris, der seine Frau für eine Hexe, genauer gesagt eine Meereshexe, hält, über die es im Glossar heißt: „Bestimmte evangelikale, christliche Sekten in Nigeria glauben, dass das Übel in der Welt hauptächlich von Hexen verursacht wird. Die mächtigste soll die »Meereshexe« sein.“

An einer anderen Stelle erwacht ein Highway plötzlich zum Leben, bäumt sich auf und beginnt Menschen zu verschlingen. Da bereits in der Vergangenheit viele auf dieser Straße verunglückt sind, trägt sie den Namen „Knochensammler“, eine Bezeichnung, die sich auf einmal als umso treffender entpuppt. Einer der ungläubigen Zuschauer dieses Spektakels kommentiert es wie folgt: „Ich bin kein Christ und kein Muslim oder vielleicht bin ich beides. Aber ich glaube auch an das Mysteriöse, das man nicht verstehen kann, vor allem in meinem Land.“ Dieses Mysteriöse tritt gegen Ende des Buches schließlich noch in Form einer riesigen, schicksalswebenden Spinne auf, die im letzten Kapitel direkt den/die Leser*in anspricht und verrät, dass alles was man gerade gelesen hat, von ihr gewoben wurde, sozusagen aus ihrer Feder stammt.

Wenn dies der Fall ist, dann sollte sich die Autorin das nächste Mal allerdings eine bessere Ghostwriterin suchen, denn leider gliedern sich die oben aufgezählten „mysteriösen“ Einschübe selten nahtlos in die Erzählung ein, stattdessen lesen sie sich, wie überhaupt das ganze Buch, sehr erzwungen. Die vielen verschiedenen Kapitel des Romans fügen sich bei ihrer Betrachtung nicht zu einem stimmigen Ganzen zusammen, was ein Eintauchen in die Geschichte verhindert. Dieses wird zusätzlich durch die Figuren erschwert. Nicht nur gibt es viel zu viele davon, wobei die meisten aus der dritten, und manche auf einmal grundlos aus der ersten Person geschildert werden, sie wirken auch sehr lieblos gezeichnet und verschließen sich durch ihre Willkür und Irrationalität einer Identifikation durch den/die Leser*in. Ihr Auftreten beginnt meist abrupt und endet genauso plötzlich wie die Kapitel, oder einige Abschnitte später. Selbst einer der scheinbar wichtigsten Antagonisten des Romans, Vater Oke, verschwindet in der Mitte der Geschichte auf einmal und erfährt dabei nicht mehr Zuneigung von der Autorin als ein einfaches: „Vater Oke wurde nie wieder gesehen.“ Anderen handlungstragenden Personen wird hingegen nicht einmal ein solcher Abgang gewährt und es fällt den Leser*innen erst viel später auf, dass ihre Storyline ohne richtige Begründung oder ein zufriedenstellenden Ende nicht mehr fortgesetzt werden wird.

Wie bereits erwähnt ist es aber ohnehin schwierig sich mit den zahlreichen Charakteren des Romans zu identifizieren, denn selbst die Protagonist*innen wirken meist irrational und sind in ihrem Handeln sehr willkürlich und unbeständig. Sei es, dass sie plötzlich und ohne richtigen Grund laut loslachen, oder dass sie im einen Moment denken, dass sie etwas niemals tun würden und es dann im nächsten Augenblick aber doch tun. Passiert so etwas ein oder zwei Mal, kann man darüber hinwegsehen, wird es jedoch zur Norm, so erscheinen einem die Figuren durch ihr Handeln fremd. Gepaart mit den schlecht geschriebenen Dialogen, entsteht somit eine fade dahintröpfelnde Erzählung, die immer wieder von Person zu Person und von Ort zu Ort springt, ohne am Schluss jedoch irgendwo anzukommen.

Lagune

Nnedi Okorafor

Übersetzt von Claudia Kern

370 Seiten; Cross Cult 2016

 

[1] http://www.bbc.co.uk/programmes/p00t4yn2

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