Die Geschichte eines Dichters – zwischen Fakt und Fiktion

Geschichtsschreibung spielt in der chinesischen Kultur bereits seit Jahrtausenden eine wichtige Rolle. Im Laufe der Jahrhunderte fiel es den Historikern der jeweils neuen Dynastie zu, die wichtigsten Ereignisse, welche sich während der Regierungszeit der vorhergehenden Dynastie zugetragen hatten, aufzuzeichnen. Auf diese Art entstanden die 24 Dynastiegeschichten, die mit der Beschreibung des legendären Gelben Kaisers (2696–2598 v. Chr.) beginnen und mit einer Chronik der Ming Dynastie (1368-1644 n. Chr.) enden. Am Anfang dieser Tradition steht das „Shiji“ (Aufzeichnungen des Chronisten), verfasst vom berühmtesten Historiker Chinas, Sima Qian, auf den sich Liao Yiwu in seinem ersten Roman „Die Wiedergeburt der Ameisen“ immer wieder beruft. Zugleich bezeichnet sich der Protagonist des Buches, Lao Wei, der autofiktionale Doppelgänger Liaos, an einer Stelle aber auch als Alter Ego von Pu Songling, dem Verfasser des „Liaozhai Zhiyi“ (Seltsame Geschichten aus dem Liao-Studierzimmer). Dabei handelt es sich um eine Sammlung von über 500 märchenhaften, übernatürlichen Erzählungen, die jedoch durch ihren kurzen, nüchternen Stil oftmals sehr realistisch wirken.

Nimmt man diese beiden Autoren und ihre Werke als zwei Seiten einer Medaille, so entsteht ein Raum, der viel Platz lässt, um die ‚Wahrheit‘ der menschlichen Geschichte aus verschiedenen Perspektiven zu beschreiben. Auf dieser weiten Fläche siedelt Liao Yiwu seinen Roman an, wenn er bereits zu Beginn des ersten Kapitels schreibt: „Was ist Geschichte? Es gibt gelehrte Köpfe, die meinen, Geschichte, das seien Dokumente, offizielle und nichtoffizielle Aufzeichnungen historischer Begebenheiten. […] Historische Aufzeichnungen sind Augenwischerei; sie erzählen so gut wie nichts von der wahren Kultur, die im Schatten großer Herrscher und großer Taten gedieh. […] Lao Wei hatte in seinem kurzen Leben schon viele Bücher zur Parteigeschichte und zur Geschichte Chinas gesehen, es gab ständig neue Schulbücher, weil ihr Inhalt irgendwann nicht mehr gefiel und je nach Bedarf umgeschrieben wurde. Doch Lao Wei waren die Bücher egal. Er war Dichter. Er glaubte an eine Tradition außerhalb historischer Dokumente, eine, die auf der Vielfalt und der Vorstellungskraft der Menschen seines Volkes beruhte.“

Das ist das Motto des Romans, bei dem es sich, wie bereits im Prolog angedeutet wird, um ein autofiktionales Werk handelt. Erzählt wird die Geschichte von Lao Wei, einem Alter Ego von Liao Yiwu. Während sich die Biographie der beiden an vielen Stellen überschneidet, etwa wenn Lao Wei als Verfasser von Werken genannt wird, die aus der Feder von Liao stammen, und dafür genau wie dieser im Gefängnis landet, driften die anfangs realistischen Schilderungen am Ende immer wieder ins Übernatürliche oder Absurde ab. Das Verschmelzen des Protagonisten mit seinem Erschaffer setzt bereits im Vorwort des Autors ein, das mit „ich“ beginnt und schon bald in die dritte Person abschweift um über Lao Wei zu berichten. Dabei wird ebenfalls erwähnt, dass der erste Teil des insgesamt fünf Abschnitte umfassenden Romans 1992, während des Aufenthaltes im Gefängnis, entstand. Die anderen vier hingegen wurden erst später geschrieben, was, wie die Übersetzerin Karin Betz im Nachwort anmerkt, sprachlich und stilistisch spürbar ist.

Liao setzt sein Motto zugleich aber noch auf eine weitere Art um. Wie viele andere chinesische Gegenwartsautoren auch – z.B. Mo Yan, Yu Hua oder Li Kunwu –, verknüpft er die Erlebnisse seiner Figuren eng mit der Geschichte Chinas, bettet sie in die Rahmenhandlungen von wichtigen historischen Ereignissen ein oder setzt sie in Verbindung zu bekannten Politikern, Schriftstellern oder anderen Personen des öffentlichen Lebens.

 

Von Kafka zu Kerouac

Ein Großteil des Romans spielt in den 80ern und 90ern, wobei eines der zentralen Motive das am 4. Juni 1989 stattgefundene Tian’anmen-Massaker ist, das immer wieder erwähnt wird und als Auslöser für das Verhalten und die Handlungen des Protagonisten gesehen werden kann. Lao Wei verfasst, genau wie sein reales Vorbild Liao Yiwu, als Antwort darauf das Gedicht Massaker, für das er zu vier Jahren Haft verurteilt wird, womit zugleich auch seine Karriere als konterrevolutionärer Dichter beginnt. Einmal mit diesem Titel gebrandmarkt, führt dies dazu, dass er nach seiner Freilassung immer wieder von Polizisten überwacht wird und stark in seiner persönlichen Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. Tatsächlich kann er kaum einen Schritt machen, ohne dabei durch eines der zahlreichen Augenpaare der staatlichen Sicherheit beobachtet zu werden. Die Absurdität dieser Situation offenbart sich dem/der Leser*in als Lao Wei gemeinsam mit zwei Freunden in ein Kloster geht um Mönch zu werden, was ihm jedoch verweigert wird: „Nur mit einwandfreiem politischen Hintergrund darf man Mönch werden. Da du nach dem vierten Juni im Gefängnis gesessen hast, wirst du keine Chance haben.“

Dabei spielt die Politik für Lao Wei zumeist nur eine nebensächliche Rolle und wird auch in dem Roman immer nur auf mehr oder weniger subtile Weise kritisiert. Stattdessen versucht der Dichter sein eigenes Leben in Ruhe zu verbringen, während er sich, von verschiedenen Freunden begleitet, durch das Land treiben lässt oder die Spuren seiner eigenen Familie verfolgt. Eine dieser Reisen führt ihn, gemeinsam mit seinem Vater auf der Suche nach seinem Großvater, in ein kleines Dorf. Dort liegt der alte Mann in einem Zimmer, das mit einem widerlichen blauen Dunst gefüllt ist und in dem Schinken und Schlangen von der Decke hängen und sich überall Wanzen, Kakerlaken und anderes Ungeziefer tummeln. Als Lao Wei benommen neben dem Bett seines Großvaters einschläft, erwacht er plötzlich wieder, denn „[…] eine pferdebohnengroße Wanze hatte sich in seinen Penis verbissen. Im Halbschlaf langte er nach ihr, um sie zu zerquetschen, bekam sie aber nicht zu fassen, da schnappte auf einmal der Großvater danach. […] Lao Wei beobachtete aus den Augenwinkeln, wie der Großvater sich die dicke Wanze auf die Brust setzte, sich mit einem spitzen Bambusende in die Haut stach und die Wanze mit seinem Blut fütterte und liebevoll »Kroton« nannte.“ Das unheimliche Gefühl, das diese Szene hervorruft, und die unerklärliche Bedrohung, die davon auszugehen scheint, erinnern an Kafka.

Andere Stellen im Buch sind weniger enigmatisch, stattdessen erinnern die Getriebenheit des Protagonisten, seine zahlreichen Reisen quer durch China, begleitet von Freunden und feuchtfröhlichen Saufgelagen, an die von ihm selbst erwähnte Beat Generation. Tatsächlich stellt Lao Wei fest: „[…] in meinen damaligen Dichterkreisen hieß die Bibel On the Road, wir träumten von nichts anderem, als loszuziehen, weiter und weiter, bis nichts mehr ging.“ Doch nicht nur Kerouac und Ginsberg finden Erwähnung in dem Roman, sondern zahlreiche andere westliche Schriftsteller werden ebenfalls genannt, unter ihnen etwa Adorno, Kundera, Sartre, Camus, Thomas Dylan und Borges. Diese werden wiederum diversen mythologischen und historischen chinesischen Persönlichkeiten gegenübergestellt, etwa, wie bereits erwähnt, Sima Qian und Pu Songling, aber auch dem König Wen von Zhou, der das berühmte „Yijing“ (Buch der Wandlung) geschrieben haben soll, Xuanzang, dem legendären buddhistischen Mönch, der als Vorlage für den Protagonisten in „Reise nach Westen“, einem der vier großen chinesischen Klassiker, gedient hat, dem Philosophen Zhuangzi und dem „Revolutionsgenossen“ Liu Xiaobo, dem Systemkritiker und Friedensnobelpreisträger, der seit Jahren in China in Haft sitzt und dem Lao Wei im Roman immer wieder begegnet. Schließlich findet sich sogar Liao Yiwu selbst in dem Roman wieder, nicht nur durch sein Alter Ego Lao Wei, sondern auch in dem folgenden Dialog: „‚Wer in Peking nicht das Bittstellerdorf besucht hat, ist nicht in Peking gewesen.‘ ‚Wer sagt das?‘ ‚Ein Untergrundschriftsteller namens Liao Yiwu.‘“

 

Kritik und Satire

„Heutzutage ist alles lässig, alle machen Geld.“, sagt eine Figur an einer Stelle des Buches. Immer wieder wird solchermaßen mehr oder weniger explizit auf den, nach Deng Xiaopings Politik von Reform und Öffnung Ende der 70er Jahre beginnenden, chinesischen Kapitalismus angespielt, wobei er entweder direkt kritisiert wird oder indirekt in satirische Szenen verpackt wird. An einer Stelle etwa erzählt ein Polizist von dem Tod eines Kollegen, der im Krankenhaus verstarb, weil weder er, noch die vier Männer, die ihn begleiteten, genug Geld dabei hatten, um den Arzt, der sich weigerte den Patienten umsonst zu behandeln, zu bezahlen, und es im Krankenhaus keinen Bankomaten gab.

In einer anderen Szene begleitet Lao Wei einen Freund zur Totengedenkstätte, wo ein Begräbnis für dessen Frau ausgerichtet werden soll. Anstatt der Toten jedoch in Ruhe gedenken zu können, werden die beiden bei ihrem Eintreffen direkt mit der Empfangsdame konfrontiert, die ihnen alle möglichen Services andrehen möchte. Während die Diskussion noch relativ harmlos mit einer Entscheidung zwischen Standard-, Ehren-, Superior- und Deluxsaal beginnt, geht es im Folgenden um die Soundausstattung, das Servicepersonal, die Anzahl der Suppen, die Dekoration, das Rahmenprogramm, die Qualität der Belüftung, die Art der religiösen Trauerzeremonie und anderes, wobei immer zwischen diversen Preiskategorien gewählt werden kann. Als die beiden versuchen, sich der Unterhaltung zu entziehen, reagiert die Frau mit Empörung: „‚Das ist doch Unsinn.‘ ‚Unsinn? Nun hadern Sie nicht so mit dem Schicksal und beherrschen Sie sich bitte.‘“ Zuletzt endet der Austausch völlig überspitzt und absurd: „‚Sterben muss man sich leisten können.‘ ‚Wenn Sie häufiger kommen, bekommen Sie einen Stammkundenrabatt von 20 bis 30 Prozent.‘“

Auch andere Dinge werden erwähnt und kritisiert, so etwa die Internetzensur, die staatliche Überwachung und das System im Allgemeinen, sowie die Gefügigkeit der normalen Bürger: „Ein Herrscher will nichts anderes als die, die frei und unabhängig leben, unterdrücken, sie wehrlos machen und ihnen, wenn sie dann alle Hoffnung aufgegeben haben, eines Tages großmütig verkünden, nun dürften sie dank seiner Gnade wieder nach Hause gehen, das Wasser ihrer Heimat trinken, das Essen ihrer eigenen Familie essen und mit ihrer eigenen Frau schlafen. Und wenn sie mit ihrer Frau im Bett liegen, danken sie dem Himmel für seinen Weitblick. Wir glauben bereitwillig an das Recht des Stärkeren und des Fortschritts.“

Dabei ist es nicht immer erforderlich konkrete Kenntnisse über die chinesische Geschichte zu haben, einige Personen und Ereignisse werden im Anhang erklärt, oftmals geht aber einiges verloren, wenn man die Anspielungen nicht versteht. Als simples Beispiel sei hier etwa das Kapitel über Falun Gong erwähnt, in dem immer wieder die Rede von einem gewissen „Jiang Fettbauch“ ist, dessen reales Vorbild der ehemalige Staatspräsident Jiang Zemin ist, worauf Liao den/die Leser*in jedoch nicht explizit hinweist. Auch die Ähnlichkeit zwischen den Praktiken der „Partei des Großen Bären“, die versucht das „Reich des Großen Wohlstands“ auszurufen, und der historischen Boxerbewegung, ist nur mit einigem Vorwissen erkennbar. Zwar verlieren somit manche Szenen des Romans an Tiefe, wenn man ihren Hintergrund nicht kennt, trotzdem funktioniert das Buch als Gesamtwerk auch für weniger eingeweihte Leser*innen. Das Absurde, Ungeheuerliche und oftmals sehr Komische, das vielen Beschreibungen anhaftet, entpuppt sich als äußerst unterhaltsam und macht den Roman, trotz einer fehlenden, stringenten Handlung, gut lesbar. Indem Liao Yiwu seine Erzählung, wie am Anfang erwähnt, irgendwo zwischen historischer und mythologischer Geschichtsschreibung verortet, wird er zum Chronisten eines Chinas, das sich anders präsentiert, als wir es aus den Nachrichten kennen. Zwar findet sich in dem Buch viel Negatives über das Land, trotzdem zeigt Liaos Herangehensweise, dass es nicht nur ein China gibt, genauso wenig wie es nur eine historische Wahrheit gibt.

Die Wiedergeburt der Ameisen

Liao Yiwu

Übersetzt von Karin Betz

576 Seiten; S. Fischer 2016

 

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