Wohin der Vogel fliegt…

Die iranische Autorin Fariba Vafi hat zwei Romane, ihr Debut Kellervogel und das einige Jahre später erschienene Buch Tarlan, über zwei emanzipierte Frauen geschrieben. Die beiden Protagonistinnen unterscheiden sich durch ihr Alter, ihre Lebenssituation und ihre Träume – und durch noch etwas: die eine ist gelungen, die andere nicht.

 

In Kellervogel schildert Vafi die Geschichte einer namenlosen Ich-Erzählerin. Sie ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in einem kleinen Haus, glücklich ist sie jedoch nicht. Sie ist eine Gefangene. Mit der Gegenwart, ihrer Verbindung zu Amir, dem Mann den sie nicht liebt, ihrer Verpflichtung gegenüber ihren Kindern und ihrer Beziehung zu ihrer Mutter und ihren zwei Schwestern, kommt sie nicht zurecht: „Ich bin weder Mutter noch Tochter noch Ehefrau. Ich bin nichts. Ich kann keine der an mich vergebenen Rollen erfüllen.“ Auf der anderen Seite steht die Zukunft, glücksverheißend und ungewiss zugleich, und die Frage nach dem Bleiben oder Weggehen. Amir möchte unbedingt mit ihr nach Kanada auswandern, davon verspricht er sich nicht nur persönliche Erfüllung, sondern auch ein besseres Funktionieren ihrer kleinen Familie. Sie hingegen ist skeptisch, glaubt seinen Versprechungen nicht und selbst wenn sie sich vorstellen kann fortzugehen, dann nicht mit ihm. Das traut sie sich jedoch nicht ihm zu sagen, sondern sie schweigt, schon seit ihrer Kindheit, immer in den entscheidenden Momenten.

Der ganze Roman ist ein langer Kampf der Ich-Erzählerin mit sich selbst, ein Streben nach Emanzipation, eine versuchte Loslösung von ihren Verpflichtungen und eine Hinwendung hin zur eigenen, individuellen Existenz: „Amir kann auf mich verzichten. Warum kann ich nicht auf ihn verzichten?“ Dabei werden auch traditionelle Werte wie die Ehe hinterfragt. Ihre Tante Mahbub erklärt ihr, sie hätte ihren ersten Ehemann geheiratet, um endlich Lippenstift verwenden zu dürfen. Ihre Schwester Shahla hingegen entscheidet sich schon in jungen Jahren komplett gegen die Ehe und ihre andere Schwester Mahin heiratet zwar, wandert dann aber nach Amerika aus und wohnt dort mit einem jungen Mann zusammen, der nicht ihr Ehemann ist. Lediglich die Ich-Erzählerin führt ein konventionelles Leben und schafft es nicht daraus auszubrechen.

Obwohl der Roman nur etwa 150 Seiten hat, besteht er aus 53 Kapiteln, die vielfältige Einblicke in die Gedanken und Gefühle der Protagonistin gewähren. Diese kurzen Ausschnitte lesen sich leicht, die Sätze fließen ineinander und dabei entsteht eine angenehme, manchmal auch bedrückende Atmosphäre: „Das hier ist die Volksrepublik China. Ich war noch nie in China, aber ich stelle mir vor, es muss dort wie in unserem Viertel aussehen. Jedenfalls ist unser Viertel wie China voller Menschen. […] Als wir hierher zogen, beschloss ich, das Haus unbedingt zu mögen. Ohne diesen Entschluss wäre keine Liebe aufgekommen. Es war schrecklich laut hier, und am ersten Tag, um uns gleich eine Vorstellung von dem Lärm durch die Nachbarschaft zu geben, schlug Herr Hashemi seine vierzehnjährige Tochter mit der Peitsche. Seine Beschimpfungen waren ein Gemisch aus mehreren Sprachen, und sie prasselten wie ein Hagel von Kieselsteinen auf unseren Hinterhof hinab. […] Wenn ich von unserer Straße zur nächsten Kreuzung gehe, komme ich mir vor wie in Indien. Ein Land voller Gerüche. Sie füllen den leeren Raum zwischen den Menschen und verändern sich mit jedem Atemzug.“

Das Hier und Dort werden auf diese Weise immer wieder miteinander verknüpft. Besonders wichtig ist in diesem Zusammenhang die Feststellung, dass jeder Mensch einen Vogel hat, der uns vorausfliegt und dem wir folgen müssen, um wieder eins mit ihm zu werden. Dieser Vogel repräsentiert unsere persönliche Freiheit, entstehend aus unseren eigenen Entscheidungen. Als die Ich-Erzählerin am Ende ihr Haus verlässt, ob dauerhaft oder nur für einen Spaziergang ist nicht klar, fragt sie sich deshalb auch selbst, ob sie, so wie alle anderen, wohl auch einen Vogel besitzt: „Kann es überhaupt sein, dass jemand keinen besitzt?“

 

Im Gegensatz zu der Erzählerin aus Kellervogel ist Tarlan, die Protagonistin des gleichnamigen Romans, noch nicht verheiratet. Sie hat kürzlich die Schule abgeschlossen, wegen ihrer schlechten Noten fällt es ihr jedoch schwer eine Anstellung zu finden. Dies führt schließlich dazu, dass sie sich gemeinsam mit ihrer Freundin Rana um eine Stelle bei der Polizei bewirbt. In weiterer Folge kommen die beiden jungen Frauen auf die Polizeiakademie, wo sie für ein Jahr eine Ausbildung absolvieren müssen. Ihr dortiger Aufenthalt bildet die Rahmenhandlung der Geschichte.

Noch etwas ist jedoch entscheidend: Tarlan träumt davon eines Tages Schriftstellerin zu werden. Ihre Ausbildung zur Polizistin sieht sie lediglich als Chance, etwas zu erleben, über das sie später schreiben kann. Der Roman ist damit zweierlei, eine typische Coming-of-Age Geschichte einer jungen Frau, die auslotet was ihr im Leben wichtig ist und versucht ihren Platz in der Welt zu finden, und der Werdegang einer zukünftigen Autorin, die sich immer wieder fragen muss, ob sie überhaupt das Zeug dazu besitzt Geschichten zu erzählen.

Ersteres geschieht vor allem in der Gegenüberstellung von Tarlan und den anderen Kadettinnen an der Polizeiakademie. Zwar gibt es auch einige wenige Ausnahmen, die meisten von ihnen scheinen jedoch nur von einem Wunsch erfüllt zu sein: zu heiraten. Die Ausbildung ist nur eine Notlösung, sollte sich der passende Mann finden, lockt das ruhige Leben einer Hausfrau. Demgegenüber wirkt Tarlan sehr emanzipiert, ihre Liebe gilt nur den großen Köpfen der Weltliteratur und ihr einziges Ziel ist es selbst einer von ihnen zu werden. Was ihr immer wieder Sorgen bereitet, ist dementsprechend auch nicht die Abwesenheit eines potentiellen Ehemanns, sondern die Kritik einer ihrer Kolleginnen, dass es ihren literarischen Portraits der anderen Frauen an Lebendigkeit fehle.

Zugleich ist Tarlan nicht so selbstständig, wie sie sich das wünschte. Wann auch immer sie von starken Selbstzweifeln geplagt wird, denkt sie darüber nach, was ihr Bruder Iradsch jetzt wohl sagen würde. Er, der seit dem Tod ihres Vaters Oberhaupt der Familie ist, ist auch dafür verantwortlich, dass Tarlan ohne den Widerstand ihrer Verwandten ihren eigenen Weg wählen konnte. Während Selbstzweifel im Werdegang eines/einer Schriftsteller*in kaum überraschen dürften, ist es das Selbstmitleid, das die Lektüre von Tarlans Erzählung so zäh und oberflächlich macht: „‚Ich werde keine Schriftstellerin.‘ Das redet sie sich ein, während sie in der Kaserne Schlange steht und wartet. Oder im Speisesaal. Oder beim Putzen. Iradsch sagt nichts. Tarlan möchte sein Schweigen als Zustimmung werten und ihren Kummer auskosten. ‚Halb so wild. Davon geht die Welt nicht unter.‘ Die Welt geht nicht unter. Sie schrumpft. Sie wird ernst, wie ein alter, finsterer, verbitterter Mensch.“

Die Geschichte wirkt klischeehaft, die Figuren, selbst Tarlan, besitzen meist nicht genügend Tiefe und auch der Sprache mangelt es an schönen Bildern. Sie wirkt eintönig und zäh, den Sätzen fehlt die nötige Geschmeidigkeit, die die Lektüre von Kellervogel zu einem Genuss macht. Nachdem die Protagonistin das ganze Buch über mit ihrem Schreiben gehadert hat, wirkt das plötzliche, unmotivierte Ende schließlich ebenfalls wie lieblos dahingeworfen: „Sie nimmt Stift und Papier zur Hand, die ersten Sätze fließen, mühelos …“ Wäre Tarlan der erste und Kellervogel der zweite Roman, so hätte man von einer Entwicklung in Vafis Werk sprechen können, so wirkt es eher wie ein Rückschritt.

Kellervogel                                                                          Tarlan

Fariba Vafi                                                                           Farbia Vafi

Übersetzt von Parwin Abkai                                                  Übersetzt von Jutta Himmelreich

160 Seiten; Rotbuch 2012                                                     229 Seiten; Sujet 2015

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