Johannesburg – Eine literarische Fotostrecke

Welche Verbindung kann zwischen Fotografie und Literatur bestehen? Das ist eine der zentralen Fragen, die sich Vladislavić in seinem Roman Double Negative stellt. Bei der Lesung im Frankfurter Literaturhaus am 7. September hatte das Publikum allerdings eine andere Frage, die sich wie ein roter Faden durch die meisten Lesungen zu ziehen scheint: Herr Vladislavić, wie viel von Ihnen steckt eigentlich in diesem Buch bzw. in dessen Protagonisten Neville Lister?

Auf den ersten Blick wirkt diese Frage vielversprechend: Nicht nur gibt es eine vermeintliche Spiegelung des Autors in der Hauptfigur, sondern auch der berühmte Fotograf David Goldblatt, mit dem Vladislavić in der Vergangenheit öfter zusammengearbeitet hat, besitzt in der Figur des Fotografen Saul Auerbach einen literarischen Doppelgänger. Betrachtet man den Roman aber lediglich aus dieser Perspektive, so bleibt vieles unberücksichtigt. Es ist, als mustert man das erste Foto eines Sammelbandes und beurteilt dann anhand dieses einen Bildes die anderen, ohne sie sich näher angesehen zu haben.

Als ein solcher Sammelband, oder vielmehr ein großes literarisches Fotoalbum, erscheint denn auch das vorliegende Buch. Zwar besteht es aus nur drei längeren Kapiteln, diese sind jedoch noch einmal in zahlreiche kürzere Abschnitte unterteilt, welche oft lediglich ein bis zwei Seiten lang sind. Auf diese Weise entstehen detailreiche Momentaufnahmen, deren Wörter in den Köpfen der Leser*innen als Bilder widerhallen, woraus nach und nach eine lange Fotostrecke entsteht. Diese bildhafte Qualität des Erzählstils erreicht der Autor vor allem durch den kunstvollen Einsatz von Metaphern. Sätze wie „Brillen in einem Schaufenster [beobachteten] die Szenerie wie eine gesichtslose Menge“ oder „unter ihrer linken Brust schlugen drei hölzerne Wäscheklammern die Zähne in den Stoff ihres Kleids und bewegten sich mit ihr wie ein Fischschwarm“ oder „[die Kunden eines Frisiersalons] schoben den Hals auf eingekerbte Bassins wie Aristokraten auf das Schafott“ bilden das Grundgerüst für ein Gesamtkunstwerk, das sich dem Leser erst nach und nach in seiner ganzen Komplexität erschließt.

Es geht dabei um eine Betrachtung von Johannesburg und dessen Bewohnern zu drei unterschiedlichen Zeitpunkten. Das erste Kapitel spielt in den 80ern, noch vor der Abschaffung der Apartheid, doch genau wie ein Fotoalbum äußert die Geschichte keine direkte Kritik an den Umständen, stattdessen zeigt sie uns durch die Augen des Protagonisten und Ich-Erzählers Neville Lister, einem jungen weißen Südafrikaner und Angehörigen der Mittelschicht, einzelne Bilder, die die Situation nach und nach erkennbar machen. Dementsprechend beziehen auch weder Lister, noch sein wichtigstes Vorbild, Saul Auerbach, konkrete politische Positionen. Allerdings zeigt sich in dem jungen Mann deutlich eine unterdrückte Wut über die herrschenden Zustände, die ihn dazu bringt, sein Studium abzubrechen und bei einem elterlichen Abendessen fast über einen Besucher herzufallen, der mit unverhohlener Freude von den Streichen erzählt, die er als Kind den schwarzen Angestellten seiner Familie gespielt hat: „Mich schockierte, wie tief seine rassischen Zwangsvorstellungen saßen. Sein Vorurteil war eine Leidenschaft. Es verursachte ihm wohltuenden Schmerz, als tastete man mit der besorgten Zunge nach einem lockeren Zahn oder kratzte sich einen Mückenstich blutig.“

Kapitel zwei und drei folgen jeweils im Abstand von etwa zehn Jahren, was es dem Ich-Erzähler, der alles in der Retrospektive berichtet, erlaubt, immer wieder über seine Handlungen, aber auch über die zeitlich bedingten, technologischen Veränderungen zu reflektieren. Als er, noch auf den ersten Seiten des Romans, in einen Supermarkt fährt und dort bei den Ausschreibungen auf einer Pinnwand nach einem Job sucht, berichtet er: „Der Aushang, der mir auffiel, sah wie die Nachricht eines Serienmörders aus. Damals war noch nicht jeder gleich ein Grafiker, und für Copy und Paste brauchte man noch Schere und Leimtopf. Ich riss eine Nummer aus der lückenlosen Gebissreihe.“ Der Versuch eine geeignete Anstellung zu finden, um sein weißes Mittelklasseleben hinter sich zu lassen, macht ihn schließlich zum Helfer eines Veteranen, mit dem zusammen er Richtungspfeile auf Parkplätze sprüht: „In meinen Jackson-Pollock-Overalls – ich musste Paulina abhalten, dass sie ihnen die Geschichte auswusch – war ich, auf einer Lichtung zwischen den Autos, die von vier Hexenhüten freigehalten wurde, ein einsamer Darsteller auf einer Bühne: ein weißer Junge, der einen Schwarzen spielte.“

Sein wichtigstes Erlebnis ist jedoch das Zusammentreffen mit dem Fotografen Saul Auerbach, das sein Vater aus Sorge um seinen ziellosen Sohn arrangiert. Dabei ist noch eine dritte Person anwesend, nämlich ein britischer Journalist, der vorschlägt, nach dem Zufallsprinzip drei Häuser auszuwählen, um dort jeweils ein Foto von dessen Bewohnern zu machen, da er der festen Überzeugung ist, dass jeder Ort und jeder Mensch eine Geschichte besitzen, die sich zu erzählen lohnt. Diese Feststellung ist maßgeblich für den Roman, denn auch als Lister später selbst Fotograf wird, sind es die Aufnahmen von gewöhnlichen Menschen und gewöhnlichen Orten, die seine Bilder, und damit die Bilder in den Köpfen der Leser*innen, prägen. Durch diese kurzen, in Worten verfassten Bilder, nicht durch lange Erklärungen und umständliche Beschreibungen, entsteht in uns ein Gesamtbild von der Situation, in welcher diese Menschen leben.

Auerbach ist jedoch noch aus einem anderen Grund wichtig für den Roman. Er ist ein Fotograf der alten Schule, einer der jedes einzelne Bild zu schätzen weiß und noch aus der Zeit kommt, in der die Kosten des Filmmaterials dieses Vorgehen rechtfertigten. Mit seiner Ruhe und seiner Fähigkeit, einen ganzen Tag lang auf das richtige Licht warten zu können, um anschließend das eine perfekte Foto zu machen, für die er von vielen bewundert wird, gibt er zugleich das Tempo für das Buch vor, das nicht hektisch, sondern bedacht voranschreitet, und, sich dabei nur auf das Bedeutsame konzentrierend, die unwichtigen Zwischensequenzen auslässt. Auf diese Art entsteht ein Gesamtkunstwerk, dessen Betrachtung keinerlei historische oder politische Vorkenntnisse erfordert und dessen einzelne Bilder sich langsam zu einem vollkommenen Mosaik zusammensetzen.

Double Negative

Ivan Vladislavić

Übersetzt von Thomas Brückner

256 Seiten; A1-Verlag 2015

Ein Gedanke zu “Johannesburg – Eine literarische Fotostrecke

  1. Pingback: 2016 – eine knappe Retrospektive | Die folgende Geschichte...

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s