Und leise rieselt der Schnee…

Buenos Aires, 1963: es beginnt besinnlich. Schwach lumineszierende Schneekristalle fallen vom Himmel und breiten sich gleich einem Leichentuch über die abendliche Stadt aus. Die darauffolgende nächtliche Stille ist beschaulich und morbide zugleich, denn wer mit den Flocken in Berührung kommt, stirbt nach nur wenigen Augenblicken. Nur wenige haben das katastrophale Ausmaß des ungewöhnlichen Wetterumschwungs rechtzeitig erkannt, und was nun folgt, erinnert an das Endzeitszenario von Zombieapokalypsen – jeder ist sich selbst der Nächste, jeder andere ist ein potentieller Feind.

Unter den Überlebenden befinden sich auch Juan Salvo (der Eternauta), dessen Frau und Tochter sowie drei Freunde, die an diesem Abend zum Kartenspielen zu Besuch gekommen waren. Gemeinsam trotzen sie der drohenden Gefahr, dichten das Haus ab, basteln sich Schutzanzüge und entwerfen Pläne, wie das Leben nun weitergehen soll. Bald müssen sie jedoch feststellen, dass alles noch viel schlimmer ist, als sie vermutet hatten, denn der Schnee ist nur der Auftakt zu einer globalen Alien-Invasion mit dem Ziel, die Menschheit zu versklaven, oder zumindest das, was nach den tödlichen Flocken noch von ihr übrig ist.

Was nun folgt ist klassische Science Fiction. Während die Überlebenden gegen ferngesteuerte Käfer kämpfen, sich durch die Reihen der Feinde und vor allem an deren mächtigen Strahlenwaffen vorbei schleichen, halluzinogenen Wolken zum Opfer fallen und schließlich mit den außerirdischen „Händen“ konfrontiert werden, versuchen sie Stück für Stück ihre eigene Stadt wieder zurückzuerobern – und für einen Moment sieht es sogar so aus, als könnte ihnen das gelingen. Dabei arbeitet der Comic, der ursprünglich von 1957-1959 als Fortsetzungsgeschichte erschien, häufig mit Cliffhangern am Seitenende, was es einem schwer macht, die fesselnde Lektüre aus der Hand zu legen.

Zugleich macht sich seine Publikationsgeschichte auch in der Erzählstruktur bemerkbar, die von zahlreichen Repetitionen geprägt ist. Immer wieder stoßen die Protagonisten auf noch einen Feind und noch einen Kampf, welchen sie unter Einsatz ihres Lebens bestehen müssen. Da sich die Geschichte durch das beständige Vorwärtskommen der Figuren aber zumindest geographisch weiterentwickelt, fallen diese Wiederholungen kaum ins Gewicht, zumal auch der Anfang und das Ende sich meisterhaft dieser zugrundeliegenden Struktur unterordnen. Salvo, der am Schluss der Geschichte zum ewig Zeit- und Raumreisenden, zum Eternauta, wird, erzählt am Anfang des Buches, im Jahr 1959, einem Comic-Künstler von seinen Abenteuern. Ob er schließlich dazu verdammt ist, dasselbe Schicksal immer wieder zu durchleben bleibt offen.

Der Comic verfügt nicht nur über eine spannende Handlung, sondern diese wird noch durch einen sehr realistischen Zeichenstil unterstützt, der es dem/der Leser*in leicht macht, sich in die Figuren hineinzuversetzen und ihre Angst, ihre Erleichterung, ihre Überraschung und ihr Grauen mit ihnen zu teilen. Sitzt man also so wie ich nachts alleine in seiner Wohnung, den Kopf tief über die bebilderten Seiten gebeugt, so kann es schnell passieren, dass man alles um sich herum vergisst und sich stattdessen, genau wie Juan Salvo Raum und Zeit enthoben, in einem schneebedeckten, tödlichen Buenos Aires im Kampf gegen die extraterrestrischen Invasoren wiederfindet – zwar ist diese neue Welt nicht wirklich lebensbedrohlich für den/die Leser*in, auf jeden Fall aber sehr aufregend!

Eternauta

Héctor Germán Oesterheld (Text) und Francisco Solano López (Illustration)

Übersetzt von Claudia Wente

392 Seiten; Avant-Verlag 2016

 

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