Am Ende des Weges

Was bedeutet Identität? Ist Identität das, was man über sich selbst weiß, oder ist Identität das, was andere von einem wissen? Wo liegt hier der Unterschied und was bedeutet es, wenn man versucht, seine eigene Vergangenheit zu vergessen? Was bedeutet es, wenn man seinen Namen ändert oder den Ort seiner Herkunft verlässt, um an einem anderen Ort neu anzufangen? Und was bedeutet es schließlich wieder zurückzukehren? All diese Fragen prägen Yvonne Adhiambo Owuors Debütroman Der Ort, an dem die Reise endet.

Im Mittelpunkt der Handlung steht Moses Ebewesit Odidi Oganda, der auf den ersten Seiten der Geschichte in eine Falle tappt und ermordet wird. Trotz seines Todes scheint Odidi, oder Ebi-Odi, wie er ebenfalls genannt wird, die weiteren Entscheidungen aller anderen Protagonist*innen maßgeblich zu beeinflussen, denn er stellt das Verbindungsstück für eine längst zerbrochene Familie dar. Erst als seine Schwester Ajany von seinem plötzlichen Dahinscheiden erfährt, kehrt sie nach jahrelangem Aufenthalt in Brasilien wieder nachhause zurück, um gemeinsam mit ihrem Vater die Leiche ihres Bruders von Nairobi nach Wuoth Ogik, ihrem Heimatort, zurückzuführen. Wuoth Ogik, was an einer Stelle des Romans als „der Ort, an dem die Reise endet“ übersetzt wird, ist das zweite Verbindungsstück, das nicht nur die Familie zusammenbringt, sondern auch viele Außenstehende anzieht, und dabei jede der Figuren mit ihrer längst verdrängt geglaubten Vergangenheit konfrontiert.

Ihre Geschichten spiegeln die Geschichte Kenias wider. Es geht um Gewalt, Lüge, Mord und Korruption. Es geht um Liebe, Freundschaft, Einsamkeit und Vergessen. Doch es gelingt am Ende keinem der Charaktere wirklich zu vergessen, zu laut sind die Rufe der Toten aus ihren Gräbern, zu schwer wiegt die Schuld, die sie auf sich geladen haben. Owuors Roman mutet stellenweise fast wie ein Thriller an, etwa wenn Ajany nach Nairobi geht, um den noch immer nachklingenden Schatten ihres Bruders nachzujagen, oder wenn auf einmal ein Engländer auftaucht und Nachforschungen über seinen verschwundenen Vater anstellt, dessen Schicksal irgendwie mit dem von Odidis Familie verknüpft ist. Doch die Suche wird meist schnell zu einer Suche nach der eigenen Identität, und der vermeintliche Kriminalfall wird nur für den/die Leser*in klar ersichtlich, der/die als stumme/r Betrachter*in in die Köpfe und Erinnerungen der Protagonist*innen eintaucht, und vieles erfährt, was den anderen Figuren verborgen bleibt.

Da sich Owuor in ihrem Szenenaufbau oft einer klaren Chronologie verweigert und stattdessen immer wieder in der Zeit vor und zurück springt, gestaltet sich das Lesen ähnlich fragmentarisch wie die Suche der Charaktere, und nur nach und nach setzt sich alles zu einer kohärenten Geschichte zusammen, was das Eintauchen in den Roman anfangs ein wenig erschwert. Auch die Sprache ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig. Nimmt man sich jedoch die Zeit und lässt sich bewusst darauf ein, so erkennt man bald die wunderbar poetischen Bilder, welche die Autorin in ihrem ganz eigenen Stil anfertigt, und die zwar nicht immer auf dem Papier funktionieren – manchmal wirken sie zu erzwungen –, in denen zumeist aber eine außergewöhnlich intensive Emotionalität mitschwingt. Viele der Metaphern stützen sich auf die kenianische Geister- und Mythenwelt, wodurch eine fesselnde Atmosphäre entsteht, die die Geschichte der Familie und des ganzen Landes einbettet und sie nicht rational erfassbar, sondern emotional spürbar macht. Somit sind es nicht die Ideen, sondern die Gefühle, welche die Sprache des Romans vermittelt, die mir noch lange nach der Lektüre anhaften.

Der Ort, an dem die Reise endet

Yvonne Adhiambo Owuor

Übersetzt von Simone Jakob

512 Seiten; DuMont 2016

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